Tribüne
Briten, stoppt den Israel-Boykott!
Warum britische Hochschulen nicht mit israelischen Universitäten kooperieren
Vor 72 Jahren verbrannten nationalsozialistische Studenten auf dem Berliner Opernplatz die Bücher jüdischer und anderer undeutscher Autoren. Jetzt hat das akademische Establishment Großbritanniens beschlossen, als Waffe gegen den jüdischen Staat eine moderne, in mancher Hinsicht sogar noch radikalere Form der Bücherverbrennung anzuwenden.
Weil sie bemerkt haben, dass ihre Zunft in den Dienst der Beseitigung Israels gestellt werden soll, eilen zwar inzwischen einige anders denkende britische Akademiker herbei, um die Fackel wieder zu löschen, die ihre professoralen Kollegen entzündet haben. Doch der Scheiterhaufen ist schon aufgerichtet. Niemand kann sagen, wie weit sich die Flammen ausbreiten werden, wenn er erst einmal angezündet ist. Niemand weiß, was sonst noch alles in Brand gesetzt werden könnte Heinrich Heines berühmte Warnung gilt noch immer.
Was ist geschehen? Anlässlich einer Konferenz im vergangenen Monat fasste die British Association of University Teachers, die britische Vereinigung von Universitätslehrern, in der 49.000 der Akademiker des Landes zusammengeschlossen sind, den Beschluss, ihre israelischen Kollegen an den beiden Universitäten Haifa und Bar-Ilan zu boykottieren. Außerdem entschieden die britischen Wissenschaftler, auch den Boykott ihrer Kollegen an der Hebräischen Universität von Jerusalem in Erwägung zu ziehen.
Der Boykott ist so umfassend, dass er einer Bücherverbrennung gleichkommt doch in Wirklichkeit ist er noch schlimmer. Bei traditionellen Bücherverbrennungen zerstörte man bereits veröffentlichte Bände andere Druckausgaben der vernichteten Werke blieben erhalten. Die neue britische Version der Kunst des Bücherverbrennens hingegen sieht vor, bereits die Forschungsarbeit zu verhindern, auf deren Grundlage zukünftige wissenschaftliche Bücher und Aufsätze überhaupt erst noch geschrieben werden könnten.
In den Fällen der ins Visier genommenen Institutionen, ruft der Boykott britische Wissenschaftler oder andere Akademiker dazu auf, jede Form der akademischen und kulturellen Zusammenarbeit oder der Projektpartnerschaft mit ihren israelischen Kollegen abzubrechen. Praktisch heißt das, dass die britischen Wissenschaftler die genannten Institutionen nicht besuchen sollen, dass sie mit deren Mitarbeitern weder gemeinsam lehren noch zusammenarbeiten sollen, dass sie diese Kollegen nicht zu Vorlesungen oder sonstiger Zusammenarbeit nach Großbritannien einladen sollen, dass sie deren Aufsätze nicht vor der Veröffentlichung in wissenschaftlichen Zeitschriften evaluieren sollen, dass sie Projektanträge israelischer Kollegen von den inkriminierten Universitäten nicht bearbeiten oder auf irgendeine andere Weise mit diesen Kollegen zusammenarbeiten sollen.
Eine der boykottierten Hochschulen, die Universität von Haifa, hat man beschuldigt, eine Abschlussarbeit über ein Massaker an Palästinensern während des israelischen Unabhängigkeitskrieges von 1948 unterdrückt zu haben. Doch mittlerweile hat sich herausstellt, dass das Urteil der Universität zutreffend war: Der Arbeit lagen gefälschte Quellen zugrunde, und der betreffende Student selbst hat inzwischen vor Gericht zugegeben, den Inhalt seiner Arbeit manipuliert zu haben. Die Universität hat eine britische Anwaltskanzlei eingeschaltet, um die britische Akademikervereinigung wegen Diffamierung auf Schadenersatz zu verklagen.
Der Universität Bar-Ilan wird vorgeworfen, sie sei direkt beteiligt an der Besetzung palästinensischer Gebiete, weil sie wissenschaftliche Programme an einer Hochschule betreut, die ihren Sitz in einer Siedlung in der West Bank hat. Doch diese Hochschule ist seit fünf Jahren unabhängig, und die Universität Bar-Ilan hatte bereits vor dem September des vergangenen Jahres geplant, alle noch verbliebenen Beziehungen zu beenden. Weder auf der Homepage von Bar-Ilan noch auf jener der Hochschule aus der West Bank werden gemeinsame Kurse aufgeführt.
Der Hebräischen Universität wiederum werfen die britischen Wissenschaftler vor, sie habe palästinensische Häuser beschlagnahmt, um an ihrer Stelle Studentenwohnheime zu errichten. Besonders genannt wird die Familie Al Helou. Doch die Gerichte haben herausgefunden, dass diese Familie, der kein an die Universität grenzendes Land gehört, auf illegale Weise Eigentum der Universität in ihren Besitz gebracht hatte. Der Streit wurde schließlich durch Verhandlungen beigelegt. Auf dem Kongress der britischen Universitätslehrervereinigung wurde die Entscheidung gegen die israelischen Universitäten von ihren Befürwortern schnell und ohne lange Aussprache durchgesetzt. Alle Versuche, Einwände vorzubringen, wurden unterbunden. Doch die entscheidende Frage betrifft ohnehin nicht die Art oder die Richtigkeit der erhobenen Vorwürfe. Die entscheidende Frage geht viel weiter. Sie betrifft die Beweggründe hinter den Bemühungen der britischen Akademiker, gegen Israel vorzugehen.
Dass genau dies der zentrale Punkt ist, wird klar, sobald man sich die Frage stellt, warum die britischen Akademiker niemals auch nur erwogen haben, irgendwelche Boykotte gegen Akademiker aus denjenigen Ländern der Welt auszurufen, in denen auf wirklich massive Weise gegen die Prinzipien der akademische Freiheit und die Menschenrechte verstoßen wird.
Warum kein Boykott gegen Wissenschaftler aus China? Das ist ein Staat, der politische Dissidenten routinemäßig ins Gefängnis steckt und manche von ihnen sogar tötet. China hält seit einem halben Jahrhundert Tibet besetzt ein Land, das mehrere hundertmal so groß ist wie die Westbank und der Gazastreifen zusammen und das die Chinesen systematisch mit ihren eigenen Leuten besiedelt haben. Warum kein Boykott gegen Wissenschaftler in Russland? Das ist ein Staat, der tschetschenische Städte dem Erdboden gleichgemacht hat, der tschetschenische Männer verschwinden und tschetschenische Frauen vergewaltigen ließ. Und warum kein Boykott gegen Wissenschaftler aus zahllosen weiteren Staaten aus dem Sudan, aus dem Kongo, aus Simbabwe oder Nordkorea? Das sind Staaten, die in einem solchen Ausmaß und in einer solchen Häufigkeit ihre eigenen Bürger umbringen und foltern, dass im Vergleich selbst die Vorwürfe der extremsten Kritiker Israels wegen der Vorgänge in der Westbank und in Gaza geringfügig erscheinen.
Warum keine Boykotte gegen Wissenschaftler aus den vielen arabischen und muslimischen Staaten, in denen akademische Freiheit entweder überhaupt nicht existiert oder ständig bedroht wird? Das gilt etwa für Syrien, für Ägypten oder den Iran. Warum keine Boykotte gegen Wissenschaftler in Saudi-Arabien? Dort wurden erst jüngst 40 Pakistaner unter dem Vorwurf verhaftet, sie hätten in diesem theokratischen Staat, der jede andere Religion als den Islam verbietet, christliche Riten praktiziert. Warum kein Boykott gegen Wissenschaftler aus Usbekistan? Dort werden Regimegegner aktuellen Berichten zufolge verhört, indem man sie bei lebendigem Leibe kocht.
Warum keine Boykotte gegen Wissenschaftler an den Universitäten in Palästina, wo die Ermordung von Zivilisten durch Universitätsangehörige nicht nur üblich, sondern geradezu endemisch ist? Warum etwa kein Boykott gegen die Universität Bir Zeit? Hier hat Hamas im Studentenparlament die Mehrheit errungen, nachdem ein studentischer Anführer der Organisation einen Sprecher der Fatah öffentlich lächerlich machte, indem er fragte: Die Aktivisten der Hamas an dieser Universität haben 135 Zionisten umgebracht wie viele haben die Fatahmitglieder an der Bir Zeit getötet?
Warum kein Boykott gegen die Universität An-Najah in Nablus, deren Campus wird ebenfalls von Hamas beherrscht wird? Hier wird in einem Museumsexponat stolz das Bombenattentat auf eine Sbarro-Pizzeria dargestellt, bei dem im August 2001 in Jerusalem 15 Israelis (darunter acht Kinder) getötet und 130 weitere verwundet wurden. Kinder und alte Leute lagen verletzt zwischen zerfetzten Körpern und abgerissenen Gliedmaßen, berichte damals der Besitzer eines Ladens in der Nähe des Restaurants. Eine Frau kam herausgestürzt und suchte nach ihrem Baby, das in einem Kinderwagen gelegen hatte. Der Kinderwagen war auf die Straße hinausgeflogen, und sie fand ihn aber er war leer. Das Museumsexponat an der Universität An-Najah feierte also einen großen und mörderischen Sieg über Kinder und andere Restaurantbesucher. Doch die britischen Wissenschaftler haben niemals auch nur daran gedacht, ihre Kollegen von dieser Hochschule zu boykottieren.
Und warum eigentlich ironisch genug kein Boykott der britischen Wissenschaftler gegen sich selbst? Schließlich leben sie alle in einem Land das an einem Unternehmen teilgenommen hat, das viele von ihnen für ein Kriegsverbrechen halten: dem Einmarsch in den Irak.
Die Antwort auf alle diese Fragen wurde schon in der Konferenz klar, die den Boykott beschloss. Das Abstimmungsergebnis basierte nicht auf Prinzipien, sondern es war eine politische Entscheidung. Dass das eigentliche Ziel der Organisatoren des Boykotts die Beseitigung Israels ist, zeigte sich am Verhalten und an den Äußerungen seiner Protagonisten. Die wichtigste Boykottbefürworterin, Sue Blackwell, stand eingehüllt in eine palästinensische Flagge vor dem Konferenzsaal, bezeichnete Israel als einen kolonialistischen Apartheidstaat, heimtückischer noch als Südafrika und rief zur Beseitigung dieses Regimes auf. Nachdem die Versammlung den Boykottbeschluss gefasst hatte, erklärte dessen wichtigster palästinensischer Unterstützer, Omar Barghouti: Das Tabu ist endlich zerschmettert. Von jetzt an ist es in Ordnung, Israels Apartheidsystem mit dem seines südafrikanischen Vorgängers zu vergleichen.
Indem sie sich für den Boykott aussprechen, unterstützen viele britische Akademiker oftmals ohne sich darüber im Klaren zu sein eine Strategie, die Palästinenser und ihre Unterstützer in den vergangenen Jahren zunehmend und mit wachsender Schärfe angewandt haben: Sie behaupten nämlich, Israel sei ein Apartheidstaat ganz so wie einst Südafrika. Deshalb besitze der Staat Israel keine Legitimität, deshalb solle er aufgelöst und durch einen anderen Staat ersetzt werden: Palästina.
Zusätzlich zu seiner Boykotterklärung beschloss der britische Wissenschaftlerverband, an seine Mitglieder ein palästinensisches Positionspapier zu verteilen. In diesem Papier wird behauptet wird, Israel betreibe eine Politik der Rassendiskriminierung gegen die Palästinenser nicht nur in der Westbank und im Gazastreifen, sondern auch in Israel selbst also gegenüber seinen eigenen arabischstämmigen Bürgern. Das sei, so das Papier weiter, eine Politik, die dem untergegangenen Apartheidsystem in Südafrika ähnelt. Diese Auffassung wird auch in den Kampagnen vertreten, die an Universitäten überall in den Vereinigten Staaten gestartet worden sind. Hier wird gefordert, amerikanischen Universitäten sollten ihre Geldanlagen in solche Firmen disinvestieren, die Geschäftsbeziehungen mit Israel unterhalten.
In Wirklichkeit gibt es schlechterdings keine Parallelen zwischen Israel und dem früheren Südafrika. Während der Apartheidära wurde Südafrika von einer kleinen weißen Minderheit regiert, die die schwarze Mehrheit unterdrückte. Israel hingegen ist zu 80 Prozent jüdisch und räumt seiner arabischen Minderheit volle staatsbürgerliche Rechte ein einschließlich des Rechts zu wählen und dem Landesparlament anzugehören. Auch gewährt Israel seinen arabischstämmigen Bürgern unbeschränkten Zugang den Universitäten des Landes. Tatsächlich besteht die Studentenschaft einer der boykottierten Hochschulen, der Universität von Haifa, zu 20 Prozent aus Arabern was genau dem arabischen Bevölkerungsanteil Israels entspricht. Darüber hinaus schickt sich Israel derzeit im Gazastreifen an, etwas zu tun, was kein anderes Land jemals getan hat: Es wird seine eigenen Bürger vollständig und, wo nötig, mit Gewalt aus diesem Gebiet entfernen aus Häusern, in denen diese Menschen bereits seit Jahrzehnten leben. Und Israel ist wie zuvor bereits im Jahr 2000 in Camp David dazu bereit, sich aus nahezu der gesamten Westbank zurückzuziehen.
Der britische Boykott ruiniert Forschungsarbeit, Veröffentlichungen und den internationalen akademischen Diskurs. Damit führt er ironischerweise das traditionelle Engagement der meisten Akademiker für den freien Austausch von Ideen und Wissen ad absurdum. Denn genau dieser Austausch befördert die Entstehung von neuem Wissen, das dann der gesamten Menschheit in höchstem Maße zugute kommen kann. In der Vergangenheit ist dies beispielsweise im Fall der israelischen Medizin so gewesen.
Vielleicht noch absurder ist, dass dieser Boykott gerade zu einem Zeitpunkt beschlossen wurde, da erstmals seit langem wieder erste Hoffnung besteht, dass Friedensgespräche doch noch zu einer Zweistaatenlösung führen könnten. Die von den britischen Akademikern mit dem Ziel der Beseitigung Israels betriebenen Aktionen werden kaum dazu beitragen, die Friedenswilligen beider Seiten zu stärken.
Was den Boykott besonders anstößig macht, ist der Umstand, die Motivation der wissenschaftlichen Zunft Großbritanniens vermutlich zu guten Teilen den antisemitischen Ressentiments entstammt, die die öffentliche Debatte im Land schon in den vergangenen Jahren so beeinträchtigt haben.
Glücklicherweise haben einige britische Akademiker erkannt, was für einen Anschlag auf Fairness, akademische Grundwerte und die Aussicht auf Frieden sich ihre Standesorganisation gerade ausgeübt hat. Diese Minderheit versucht nun, die getroffene Entscheidung wieder rückgängig machen zu lassen. Dreißig Mitglieder des Vorstandes der Organisation haben beantragt, eine Sondersitzung einzuberufen, um die Entscheidung für den Boykott gegen Israel erneut zu erörtern. Dieses Treffen wird am 26. Mai stattfinden.
Werden diese abweichenden Wissenschaftler Erfolg mit ihrer Absicht haben, die frühere Entscheidung rückgängig zu machen? Das wird davon abhängen, ob ihre Kollegen einsehen, dass sie und ihr Berufsstand von politischen Kräften überwältigt worden sind, die wenigstens vorläufig schlauer agiert haben als sie selbst. Wenn jedoch der Boykott nicht wieder aufgehoben wird, dann wird diese moderne Version der Bücherverbrennung im Ernst voranschreiten. Und sie wird als Vorbild für die anderen akademischen Kampagnen dienen, die in Gang gesetzt worden sind, um den jüdischen Staat zu delegitimieren und damit zu beseitigen.
Die nationalsozialistischen Studenten, die am 10. Mai 1933 in Berlin jüdische und undeutsche Bücher verbrannten, wären hoch erfreut gewesen.
Dr. Walter Reich ist Yitzhak Rabin Memorial Professor für internationale Angelegenheiten und Ethik sowie Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der George Washington University. Er ist einer der Vorsitzenden des Committee of Concerned Scientists, das Menschenrechte und akademische Freiheit auf der ganzen Welt verteidigt; er ist zudem Mitarbeiter am Woodrow Wilson Center und Lehrbeauftragter für Psychologie an der Yale University. Von 1995 bis 1998 war Walter Reich Direktor des Holocaust Memorial Museum der Vereinigten Staaten. Dieser Essay basiert auf einem Text, der in der New York Sun erschienen ist.
Aus dem Englischen von Tobias Dürr
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- Quelle (c) ZEIT.de, 20.5.2005
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