Hamid Karsai hat ein vertracktes Verhältnis zu den USA. Ohne die Bomber der US-Armee wäre er nicht afghanischer Präsident, ohne sie herrschten in Kabul noch die Taliban. Gleichzeitig ist die Regierung George W. Bushs die größte Schwäche Karsais. Er wird als ihr Büttel wahrgenommen – auch von den Afghanen, die ihn im vergangenen Oktober mit großer Mehrheit gewählt haben.

Wer sich für ihn entschied, erwartete sich mehr Entschlossenheit gegenüber Drogenbaronen, Kriegsherren und US-Soldaten. Karsai sollte nach dem Wunsch der Afghanen der unabhängige Präsident eines unabhängigen Landes sein. Er versuchte dem nach Kräften nachzukommen. Den Ruf, nicht mehr als der Bürgermeister von Kabul zu sein, hat er jedoch nicht loswerden können.

Das könnte jetzt anders werden. Verantwortlich dafür ist die US-Armee. Soldaten haben inhaftierte Afghanen gefoltert, in mindestens zwei Fällen bis zum Tod. Das ganze Ausmaß dieses Skandals ist noch nicht bekannt.

Karsai verlangt nun in ungewöhnlich scharfen Worten von den USA die Bestrafung der Verantwortlichen. Er konnte nicht schweigen. Er weiß, dass er klar auftreten muss, wenn er von seinen Landsleuten noch respektiert werden will. Diese Klarheit wird ihm in Washington nicht verziehen. Umgehend kam der Vorwurf aus den USA, dass Karsai nichts gegen den grassierenden Opiumanbau tue. Das ist Rachsucht à la Bush – zum Schaden Afghanistans. Denn Karsai mag nicht der Beste sein, aber er ist die beste Chance, die das Land seit 30 Jahren hat. Sie wird in diesen Tagen gerade vertan.