Die Nachricht war deutschen Gazetten nur einige Zeilen wert, und dann verfehlte sie auch noch den entscheidenden Punkt: ein politisches Wunder im Irak. Nach 500 Terror-Toten seit der Regierungsbildung im April haben sich am Wochenende in Bagdad an die tausend Sunniten – Geistliche, Politiker, Stammesführer – versammelt, um das Ende ihres zwei Jahre alten Politik-Boykotts zu verkünden. Der Grund? "Wir sind nicht im Parlament vertreten", sagt Tarik Haschimi, Chef der Islamischen Partei. "Wie können wir uns da an der Verfassungsgebung beteiligen?"

Des Wunders zweiter Teil: Die Resolution fordert zwar die "Befreiung" von fremden Truppen , dies aber auf "gesetzlichem Wege". Außerdem verdammt sie "alle Terror-Akte gegen Zivilisten". Der dritte Teil: Der Schia-Extremist Muqtada al-Sadr, der sich einen Namen im Kampf gegen die Amerikaner gemacht hatte, predigt plötzlich die nationale Einheit, also die Versöhnung mit den verhassten Sunniten. Das "Vergießen irakischen Blutes ist verboten", verkünden seine Leute.

Das Blutvergießen wird nicht morgen aufhören. Trotzdem hat die Macht des Faktischen einen kräftigen Schubs erhalten, zumal die Schia-dominierte Regierung das Angebot der Sunniten freudig gepriesen hat. Woher der plötzliche Realitätssinn einer Minderheit, die einst den Irak beherrschte? Einer ihrer Führer, Achmed Samarrai, drückt es ganz kühl aus: "Wir wollen keine Chance mehr verpassen, nicht wieder einen Fehler wie das Aussitzen der Wahlen begehen."