Rund 33 Millionen Ägypter waren bei dem Referendum über einen neuen Verfassungsparagrafen zur Präsidentenwahlen stimmberechtigt. Die neue Regelung lässt für die kommende Präsidentenwahl erstmals die Kandidatur mehrerer Bewerber zu. Trotz eines Demonstrationsverbots versammelten sich Teilnehmer zu Protestaktionen. Es kam zu Prügeleien zwischen Anhängern von Präsident Husni Mubarak und Regimekritikern. In Kairo und den Provinzhauptstädten wurden Hunderttausende Beamte mit Bussen von ihren Behörden zu den Wahllokalen gefahren. Jedoch war es in den Wahllokalen am Morgen nicht so voll, dass die Wähler anstehen mussten.

Im Februar hatte der Präsident Husni Mubarak überraschend die Reform des Wahlgesetzes angekündigt. Seit 1981 ist der 77-Jährige im Amt und wurde in der Zeit alle sechs Jahre in einem Referendum ohne Gegenkandidaten im Amt bestätigt.

Falls die Reform angenommen wird, dürfen bei der Präsidentenwahl im September erstmals mehrere Kandidaten antreten, doch müssten diese einer offiziellen Partei angehören. Wer ohne Partei antritt, müsste die Unterstützung von insgesamt 250 Vertretern des Unterhauses, des Oberhauses (Schura-Rats) und der Kommunalräte nachweisen. Alle drei Gremien werden von Mubaraks Partei beherrscht. Dennoch hat der Oppositionspolitiker Ajman Nur von der Partei Al Ghad (Morgen) eine Kandidatur bei der Präsidentenwahl angekündigt. Ob Mubarak selbst ein weiteres Mal antritt, hat er bislang offen gelassen.

Mubarak und seine Nationaldemokratische Partei hatten betont, die Einführung von Präsidentschaftswahlen sei eine freiwillige Entscheidung und habe nichts mit dem Ruf der amerikanische Regierung nach Demokratie im Nahen Osten zu tun. Politische Beobachter in Kairo meinen jedoch, dass die Führung damit sowohl auf den Druck von Außen als auch auf wachsenden Unmut in der Bevölkerung reagiert. Das Ergebnis des Volksentscheides wird an diesem Donnerstag erwartet.

Wegen des Referendums herrschte in Ägypten seit Tagen eine gespannte Atmosphäre. Bei Protestaktionen der Kifaja-Bewegung in Kairo wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen zehn Aktivisten festgenommen, die für ein Ende der Herrschaft Mubaraks kämpft. "Kifaja" bedeutet "Es ist genug". Bei einer Oppositions-Demonstration in Ismailija wurden 30 der rund 100 Demonstranten festgenommen.

Oppositionsgruppen hatten zum Boykott des Verfassungsreferendums aufgerufen, weil der neu formulierte Paragraf 76 über die Präsidentenwahl ihrer Ansicht nach die Kandidatur von Nicht-Mitgliedern der Regierungspartei erschwert. Vor dem Referendum hatten die Sicherheitskräfte Hunderte Mitglieder der offiziell verbotenen Muslimbruderschaft verhaftet, die zum Boykott aufgerufen hatten.