So viel Ansprache war nie. Der Umzug der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste in ihr neues Domizil am Pariser Platz wurde am vergangenen Wochenende allein mit neun Reden von Politikern, amtierenden und früheren Akademiepräsidenten gefeiert, von Bundespräsident und Bundeskanzler, von Adolf Muschg, György Konrád und Walter Jens, nicht zu vergessen Christina Weiss (für die Bundeskultur), Rolf Breuer (für die Freunde der Akademie) und Günter Behnisch (als Architekt des Neubaus). Sage keiner, die zweite deutsche Republik würde sich nicht vor der Kunst verbeugen. Die unter der Hand gewachsene Hochschätzung war es wohl auch, die den Regierenden Bürgermeister Berlins bewog, der Veranstaltung fernzubleiben, weil er ans Ende der Rednerliste platziert worden war. Gott erhalte der Akademie die Kraft, selbst dickfelligste Politiker so wirksam kränken zu können.

Übrigens sind es gerade die Politiker, die sich das wünschen. "Bitte, bitte, schlag mich!" war das geheime Motto des Abends. Dass Kunst ungemütlich zu sein habe, sich den schlechten gesellschaftlichen Übereinkünften verweigern müsse, ist ein schöner altmodischer Gedanke, der von den Rednern allerdings so oft beschworen wurde, dass man ihn wohl zu den Gemeinplätzen der Gesellschaft rechnen kann. Über die Rolle, die sie den Künsten zugedacht hat, wird man nicht mehr spekulieren müssen. Sie soll die Domina sein im SM-Studio der Republik.

Dazu passt die Erinnerung an Piranesis Folterkeller, die der Neubau von Günter Behnisch mit seinen frei schwebenden Zugbrücken und Falltreppen in der luftigen Höhe des Foyers fast zwingend aufruft. Es ist allerdings ein durch Stahl und Glas ins Helle gewendeter, geläuterter, man könnte auch sagen: demokratisierter Piranesi. Das Grauen ist weg, aber die Kunst auch. Die Anmutung des Gebäudes ähnelt eher dem Delirium einer Gesamtschule, falls Gesamtschulen delirieren können. Die Frage ist wahrscheinlich verwandt der Frage, wie viel subversive Kraft eine Kunst aufbringen kann, die als sozialtherapeutisch bestellte Domina vom Wohlfahrtsstaat bezahlt wird. Unwillkürlich drängte sich beim Blick auf die mit Gläsern und Tellern vom Büfett balancierende Menge die Vorstellung von Politikern auf, die nach getaner Regierungsarbeit ein Servierschürzchen umbinden und sich unter die Stiefelspitze der Kunsterziehung beugen.

Einen vorderen Rang unter den Gemeinplätzen der Redner nahm auch die Beschwörung der demokratischen Qualität gläserner, das heißt transparenter Architektur ein. Die Mühe, die es Behnisch gekostet hatte, seinen luftigen Bau gegen die steinerne Bauordnung am Pariser Platz durchzusetzen, wurde unisono als Sieg der Freiheit gefeiert. Wir persönlich können uns zwar auch sehr gut eine gläserne Diktatur vorstellen, nämlich eine solche, in der sich dem Auge des Staates niemand mehr entziehen kann – aber das ist just einer der Gedanken, die nach dem republikanischen Schulterschluss von Kunst und politisch repräsentiertem Volkswillen nicht mehr vorgesehen sind.

Dass etwas von den Verlusten in der aufgeklärten Demokratie doch noch zur Sprache kam, ist dem früheren Akademiepräsidenten György Konrád zu verdanken, der in seiner Rede ausführlich Max Liebermanns Bekenntnis zu einer elitären, gerade nicht demokratisierbaren oder pädagogisch wertvollen Kunst zitierte. Liebermann war der letzte Präsident der Akademie, bevor sie seinerzeit von den Nazis gesäubert und gleichgeschaltet wurde, und zur Ehre des Hauses muss gesagt werden, dass auf diesem düsteren Kapitel ausführlich verweilt wurde. Dass Liebermann selbst eher feudal und selbstherrlich dachte, gehört zu den nicht mehr rezeptionsfähigen Fußnoten der Geschichte.

Doch sollte man nicht beklagen, dass einer wie er für die Gegenwart vereinnahmt wird. Besser allemal, als wenn das völkische Ressentiment von einst wiederbelebt würde. Auch kann man der Akademie nicht vorwerfen, dass sie auf den authentischen Einspruch der Kunst ganz verzichtet hätte. Zwischen den Reden waren Acapella-Stücke des Komponisten Dieter Schnebel zu hören, die mit ihrer dadaistischen Lautmalerei wie ein äffischer Widerhall der offiziösen Rhetorik wirkten.

"Freiheit", "Kunst", "Demokratie", "mündiger Bürger", schnatterten die Politiker. "Schnatter-schnatter, blibli-blabla", sangen die Vokalisten in Schnebels Stücken. Und auf den Videoschirmen, die überall im Hause die Ansprachen übertrugen, tauchte das gütige Gesicht des Schriftstellers György Konráds auf, der in seinen mäandernd ziellosen Sätzen von Liebermann zur Gegenwart und wieder zurück schweifte. Man könnte, kurzum, diesen Eröffnungs- und Umzugsabend auch als gelungene Installation betrachten, die jedem anständigen Museum für zeitgenössische Kunst zum Ankauf empfohlen werden könnte.