Gabriele Behler hat Recht, wenn sie fordert (ZEIT Nr. 20/05), die Volksparteien müssten die eigenen bildungspolitischen Mythen aufgeben, um den nötigen Konsens zur Modernisierung des deutschen Bildungssystems zu ermöglichen.

Noch sind wir davon jedoch weit entfernt. Wenn es um die Schulen geht, bilden sich wie in einem pawlowschen Reflex fast immer Kyffhäuserkameradschaften, die nach der Melodie der Marschlieder aus den siebziger Jahren ihre früheren Schlachtpositionen erneut einnehmen. Die Regimentsfarbe der einen ist das angeblich begabungsgerechte dreigliedrige Schulsystems, die der anderen die Gesamtschule. Dabei müssten es auch konservative Schulpolitiker satt haben, seit 25 Jahren die Hauptschule rhetorisch hochzuhalten und gleichzeitig zu erleben, wie die Hauptschülerinnen und Hauptschüler zu den Verlierern des Bildungssystems geworden sind. Und auch den engagiertesten Gesamtschulvertreter darf es nachdenklich stimmen, wenn ausgerechnet das konservative Baden-Württemberg mit seinem dreigliedrigen Schulsystem nicht nur gute Leistungen, sondern auch die geringste Bindung des Bildungsverlaufes an die soziale Herkunft aufweist.

Der Streit um die Schulstruktur ist ein Nebenkriegsschauplatz

Es gibt bislang nur wenige Beispiele der Emanzipation bildungspolitischer Entscheidungen von ihrer politischen Bindung an die sechziger und siebziger Jahre. Kurt Biedenkopf (CDU) beispielsweise hat sich in seiner ersten Regierungserklärung 1990 in Sachsen mit den negativen Erfahrungen des dreigliedrigen Schulsystems in Westdeutschland auseinander gesetzt und keine Trennung in Haupt- und Realschulen mehr vorgenommen. Und quer zur Mehrheitsmeinung der Bildungspolitiker ihrer Partei haben sich der Ministerpräsident Kurt Beck und seine Kultusministerin Doris Ahnen (beide SPD) in Rheinland-Pfalz nicht auf die Forderung nach einer Gemeinschaftsschule für alle eingelassen. Beiden war klar, dass allein durch den Austausch des Namensschildes für die bisherige Gesamtschule eine Neuauflage des Schulkrieges weder verhindert noch gewonnen werden kann.

Stattdessen haben sie sich auf die hierzulande vernachlässigte frühe Förderung in Kindergärten und auf Ganztagsschulen konzentriert.

Die Wiederbelebung des alten Streits um die Schulstrukturen ist unsinnig. In Deutschland haben bei Pisa weder die Länder mit starken Gesamtschulsystemen gut abgeschnitten, noch ist die politische Lega-Süd aus Bayern mit ihrem Abiturientenanteil von 18,5 Prozent ein Zukunftsmodell, denn die deutsche Wirtschaft hat einen größeren Bedarf an Hochschulabsolventen. Der von den Konservativen und leider auch immer noch von Sozialdemokraten betriebene Kampf um die Struktur der Schule ist ein Nebenkriegsschauplatz. Es kommt nicht darauf an, Schulformen zu fördern, sondern die Schülerinnen und Schüler. Es ist im Wesentlichen die weit stärkere individuelle Förderung, die Pisa-Erfolgsländer von Deutschland unterscheiden.

Im inhaltlichen Mittelpunkt stehen Fragen der Lehrerausbildung, der personellen und materiellen Ressourcen, das Verhältnis von pädagogischer Freiheit und staatlicher Schulaufsicht und vor allem und immer wieder nach der möglichst frühzeitigen und kontinuierlichen Förderung von Kindern und Jugendlichen.