München, 1961, mündliche Prüfung für das Erste Staatsexamen in Jura. Der große Strafrechtsprofessor stellt dem Studenten Uwe Wesel eine Frage. Wesel entgegnet: "Das weiß ich nicht." Der Professor stellt eine einfachere Frage. Wesel sagt: "Das weiß ich nicht." Der Professor runzelt die Stirn und stellt Wesel eine noch einfachere Frage. Doch Wesel sagt wieder: "Das weiß ich nicht." Der Professor springt auf, schreit Wesel an: "Wie, das wissen Sie auch nicht?" Wesel bleibt ruhig, antwortet: "Das interessiert mich auch nicht." Wesel kassiert eine Sechs für den Strafrechtsteil der Prüfung, bekommt insgesamt "schwach befriedigend". Acht Jahre später ist Wesel Juraprofessor in Berlin.

Fast 40 Jahre später tritt Gregor Kirchhof in München zum Ersten Staatsexamen an, und dass der Professor nicht mehr schreit, ist vielleicht die größte Veränderung dieser vier Dekaden. Die Inhalte: Strafrecht, Zivilrecht, Öffentliches Recht – wie vor 40 Jahren. Das Leitbild: der Einheitsjurist, der akademische Alleskönner, der als Richter genauso arbeiten kann wie als Rechtsanwalt – nicht anders als 1961. Das Examen: das alles entscheidende Finale, die Uni lehrt, der Staat prüft – genauso wie damals.

Wenn die Jurastudentin Eva Thörner, 20, im Jahr 2007 in der Staatsprüfung sitzt, wird noch immer das Idealbild des Einheitsjuristen durch die Köpfe ihrer Prüfer schweben. Doch Thörner wird am Examenstag zumindest einen Teil ihrer Prüfung hinter sich haben. Drei Zehntel des Examens hat sie dann schon an der Universität Freiburg abgelegt, zum selbst gewählten Thema "Handel und Wirtschaft". Thörner studiert seit Oktober 2003 Jura, sie ist eine der Ersten, bei der die Reform der Juristenausbildung greift. Das Studium wird praxisnäher, das Staatsexamen entschlackt – kleine Schritte nach langen Reformdiskussionen.

Übervolle Vorlesungen und trübe Berufsaussichten

Jura ist die konservativste Disziplin an deutschen Hochschulen und eine eigentümliche dazu. Studenten lösen Fälle und pauken die "herrschende Meinung", Professoren schreiben Gutachten, stets orientiert am gültigen Gesetz. Innovation durch Infragestellung aber, das Grundprinzip jeder Wissenschaft, gibt es in der Rechtsphilosophie, in den juristischen Hauptbereichen aber nur selten. Schon vor Jahren klagte der ehemalige Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, dass "an die Stelle von Rechtswissenschaft eine stoffüberfrachtete Rechtskunde, eingetrichtertes Fall- und Rechtsprechungswissen" getreten ist.

Trotzdem sind deutsche Rechtsgelehrte weltweit anerkannt. Juristen sitzen, ob in Politik, Verwaltung oder Industrie, an den Schalthebeln der Macht. Und Jura ist einer der stärksten Magneten deutscher Universitäten: 100000 angehende Juristen bevölkern die Hochschulen, mehr als dreimal so viel wie angehende Politologen. Jura ist das typische Massenfach, in dem Studenten mit dem universitären Großbetrieb kämpfen: volle Vorlesungen, schlechte Betreuung, miese Lehre – und äußerst trübe Berufsaussichten.

Eine recht erfolgreiche Dauermisere also, die alle Neuerungsansinnen überlebt hat. "Jede Generation arbeitet sich immer an den gleichen Themen ab", sagt Nicolas Lührig, der Chefredakteur des Deutschen Anwaltsblattes. Manche Ideen diskutierten Standesvertreter wieder und wieder – und setzten sie doch nicht durch. "Die Angst vor Veränderungen war zu groß", sagt Lührig, "die Konservativen haben die Reformen einfach ausgesessen."

So blieb bei der Ausbildung vieles beim Alten: Studium, erstes Examen, Lehrzeit als Referendar, zweites Examen. Erst dann ist man "Volljurist", vom Anspruch her überall einsetzbar. "Die größte Reform war die Abschaffung des Dritten Staatsexamens im Jahr 1869", sagt Uwe Wesel, mittlerweile 72 und emeritierter Rechtshistoriker.