Die erste Runde im Kampf um Amerikas Schulen haben sie gewonnen, die Bush-Leute. Sie haben einfach den besten Slogan, das geben auch ihre Gegner zu: "No Child Left Behind" (NCLB), kein Kind darf auf der Strecke bleiben. So heißt das von USPräsident George Bush ins Leben gerufene Programm, dem zufolge bis 2014 alle Kinder in Amerika richtig lesen, schreiben und rechnen können sollen. Gegen so hehre Absichten kann keiner etwas sagen, und so sagt selbst Elois Dupree, Direktorin der Spring Garden Elementary in der Innenstadt von Philadelphia, dass NCLB ja eigentlich ein großartiges Programm sei. Eigentlich. Denn alles, was sie dann sagt, ist eine Abrechnung mit George Bushs Schulpolitik. "Wenn man so ehrgeizige Ziele verfolgt, muss man das dafür nötige Geld bereitstellen. Doch genau das tun sie nicht. So bleiben nur jede Menge neuer Vorschriften und noch weniger Ressourcen für die Kinder."

Die größte Schulreform in den USA seit Jahrzehnten droht zu scheitern, da hilft auch der griffige Slogan wenig. Bildungswissenschaftler, Lehrer und sogar die Regierungen einzelner Bundesstaaten kritisieren das Programm als unnütze, teure und dazu noch ungerechte Testschlacht, deren Ergebnisse bescheiden und vorausschaubar sind. Kernelement von No Child Left Behind ist, dass alle Schulkinder in den USA jährlich an standardisierten Vergleichsarbeiten in den Bereichen Lesen und Mathematik teilnehmen müssen.

"Einfach gesagt, was überprüft wird, wird auch richtig gemacht", sagt Bushs Bildungsministerin Margaret Spellings, die als Mutter der Reform gilt. Das Verfahren erinnert an die internationalen Pisa-Testrunden, an denen auch Deutschland teilnimmt, allerdings ergänzt um eine entscheidende Komponente: Um das große Ziel zu erreichen, verlangt die Bush-Regierung eine kontinuierliche Steigerung, andernfalls werden die Schulen empfindlich bestraft. Die Testergebnisse werden deshalb veröffentlicht, und zwar einzeln für jede Schule, aufgeschlüsselt nach den wichtigsten ethnischen Gruppen.

Genau darüber ist ein heftiger Streit entbrannt. Denn während die Regierung den Druck auf Lehrer und Schüler Schritt für Schritt erhöht hat, will sie im kommenden Jahr die Finanzierung des Programms um 9,4 Milliarden Dollar kürzen. Die größte Lehrergewerkschaft des Landes, die National Education Association, hat daher gemeinsam mit Schulbezirken aus dem ganzen Land Klage gegen die Bundesregierung eingereicht. Drei Bundesstaaten, darunter Bushs Heimatstaat Texas, weigern sich mittlerweile offen, NCLB wie vorgeschrieben umzusetzen, nicht nur weil sie es für ineffizient und bürokratisch halten, sondern auch weil sie die Einflussnahme der Bundesregierung auf die Schulpolitik ablehnen, die wie in Deutschland Sache der Bundesstaaten ist. Die Auseinandersetzung läuft mit dreijähriger Verspätung, Bush hat No Child Left Behind bereits 2002 angestoßen. Doch in den Monaten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war jede Kritik am Präsidenten, gleich, zu welchem Thema, innenpolitischer Selbstmord.

Spring Garden ist ein in die Jahre gekommenes Arbeiterviertel Philadelphias, wo die Menschen in Reihenhäusern aus rotem Backstein wohnen und ausgeschlachtete Autowracks die Straßen säumen. In Spring Garden wohnen Schwarze, von denen viele trotz Amerikas Wirtschaftswunder in den neunziger Jahren keinen Job gefunden haben. Mittendrin steht die zweistöckige Grundschule, alle Türen verriegelt bis auf eine. 242 Schüler lernen hier, 95 Prozent Schwarze, 4 Prozent Latinos, keine Weißen. Unterrichtet werden sie von einem Dutzend Lehrer, nur in den Hauptfächern. Musik- oder Kunsterziehung kann sich die Schule nicht leisten.

Stadtviertel wie Spring Garden gibt es viele in Amerikas Innenstädten, Schulen wie Spring Garden Elementary ebenfalls. Wer wissen will, für wen No Child Left Behind gedacht war, findet hier die Antwort. Aktuellen Daten zufolge erreichen nur 12 Prozent der schwarzen Achtklässler in den USA die zweithöchste Kompetenzstufe proficient in Mathematik, bei den Weißen sind es mehr als dreimal so viele, 39 Prozent. Erschreckende Zahlen, die verdeutlichen, wie eng schulische Leistungen in Amerika an die soziale Herkunft gekoppelt sind, ähnlich wie in Deutschland, wo die Einwandererkinder am Ende der Skala stehen.

Genau hier wollen Bushs Bildungspolitiker ansetzen, indem sie die Schulen zwingen, sich stärker als bisher um die Lernschwachen zu kümmern. Bleibt eine Schule hinter dem Plansoll zurück, erhält sie eine offizielle Verwarnung, nach einem genau festgelegten Stufenplan werden zum Teil drastische Gegenmaßnahmen eingeleitet. Zunächst werden die Lehrer zu intensiven Fortbildungen verpflichtet. Bleibt der Qualitätssprung nach zwei Jahren trotzdem aus, beginnen die Strafen: Die Eltern erhalten das Recht, ihre Kinder auf bessere Schulen zu schicken – abnehmende Schülerzahl bedeutet weniger Geld für die Problemschule.

Nach drei Jahren ohne Verbesserung muss die verwarnte Schule ihren Schülern private Nachhilfe finanzieren. Schneidet die Schule danach immer noch nicht besser ab, werden Lehrer entlassen, wird der Direktor abgelöst, die Schule direkt von der Schulbehörde übernommen, die ihre Verantwortung häufig auf private Managementfirmen abwälzt. Hilft auch das nichts, droht nach fünf Jahren die Schließung. In der Hauptstadt Washington etwa stehen zurzeit 88 Schulen auf der Warnliste, mehr als die Hälfte aller Standorte. Acht Schulen bekommen ein neues Management.