Berlin

Es ist kein Zufall, dass es von Angela Merkel und Margaret Thatcher keine gemeinsamen Bilder gibt. Die beiden Frauen an der Spitze der deutschen und der britischen Konservativen wurden nie zusammen fotografiert. Dabei, so erinnerte sich jüngst ein Maggie-Mitarbeiter, hatten die Briten dem Büro Merkel passende Fototermine mehrfach angeboten. Vergeblich: Merkel wollte nicht. Vom deutschen Wähler, vermutlich hat sie damals schon daran gedacht, werden Radikalreformerinnen vom Schlage Thatchers nicht geschätzt und nicht gewählt. Jedenfalls nicht ins Kanzleramt.

Am kommenden Montag soll Angela Merkel von den Präsidien von CDU und CSU zunächst zur Kandidatin gekürt werden. Auf dem gleichen Treffen geht es um das Wahlprogramm, darum welche Reformen die Union sich vornimmt und wie konkret sie dabei wird. Wieviel Thatcher steckt dann in der Kandidatin Merkel? Was die Union sich bei Finanzen, Gesundheit oder Rente vornimmt, wird sie – anders als die amtierende Regierung – auch ohne Zustimmung der Opposition umsetzen können. Für die kommenden drei Jahre gilt die Unionsmehrheit im Bundesrat als sicher. Mit den vorgezogenen Neuwahlen hätte Schröder einer konservativen Wahlsiegerin deshalb sogar zusätzlichen Gestaltungsspielraum beschert.

Allerdings ist die Versuchung der Union groß, bei heiklen Reformthemen im Ungefähren zu bleiben: Die vorgezogenen Neuwahlen liefern einen Vorwand für programmatische Unschärfen auf Reformfeldern wie Steuern, Rente oder Pflege. Mit dem plötzlich entstandenen Zeitdruck hat die Union eine plausible Begründung parat.

Außerdem lassen sich so auch Richtungskonflikte übertünchen. Ob die Union die Wahl 1998 wegen zu vielen oder zu wenigen Reformen verlor, hat sie für sich nie wirklich geklärt. Auch der Wahlsieg in Nordrhein-Westfalen lässt für sehr unterschiedliche Interpretationen Raum: Lag der Erfolg nun am eher unscharfen Reformprofil des Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers – oder daran, dass er eben doch viele unangenehme Wahrheiten über Sparzwänge und Haushaltsnöte frühzeitig offen ansprach? Die zögerliche Antwort der Union auf die Kapitalismusdebatte der SPD zeigte, wie wenig sicher sich auch die CDU über das richtige Maß von Marktfreude und Wirtschaftsnähe ist. Dabei wird es bleiben. Geschadet hat es schließlich nicht.

Die Kanzlerkandidatin Merkel wird deshalb bei ihren Auftritten in ganz Deutschland über mehr Eigenverantwortung und weniger Sozialstaat reden und dennoch viel dafür tun, nicht als Thatcher-Kopie dazustehen. Sie muss weitreichende Reformen ankündigen, ohne als Radikalreformerin zu gelten. Und sie muss ihre Partei für einen Reformwahlkampf motivieren, obwohl kaum jemand an der Basis Begriffe wie "Gesundheitsprämie" noch hören mag.

Spätestens vom kommenden Montag an werden SPD und Grüne versuchen, eine mögliche schwarz-gelbe Koalition als Allianz sozialer Kälte zu stilisieren – und Angela Merkel als Margaret Thatcher II. Die Anfänge davon waren schon wenige Stunden nach der Ankündigung der Neuwahlen zu hören. Die Bundestagswahl sei eine "Richtungsentscheidung", erklärte das eigentlich "Netzwerk" der SPD: Mit der Union würde Deutschland "ein konservatives Land, in dem soziale Sicherheit nur die bekommen, die es sich leisten können". Merkel wolle einen "sachlichen, inhaltlichen, handwerklichen Wahlkampf" führen, heißt es bei ihren Vertrauten – keine ideologisch überhöhte Grundsatzschlacht.

Für die Formulierung der Wahlziele bleiben der Union gerade fünf, sechs Wochen. Mitte September wird voraussichtlich gewählt. "Ungefähr acht Wochen", sagt Merkel, müsse man mit so einem Programm kämpfen können. Dadurch bleiben einige Vorhaben auf der Strecke. Ursula von der Leyen, Sozialministerin in Niedersachsen mit guten Chancen auf einen Platz in Merkels Schattenkabinett, leitet eine große Familienkommission der Partei, die nicht mehr viel zustande bringen wird – bisher hatten die Mitglieder gerade mal Zeit, sich kennen zu lernen.