Wo sonst lassen sich die weltweit grummelnde Kapitalismuskritik, die Sinnkrisen und hilflosen Wertedebatten der westlichen Gesellschaften besser verstehen als beim Festival von Cannes? Zwei Wochen lang verwandelt sich das hässliche Mittelmeerstädtchen in einen Überdruckkessel, in dem die internationale Filmwelt und Frankreichs reichste Rentner zu einem hysterisch brodelnden, von kleinen Glamourklümpchen durchsetzten Festivalbrei gepresst werden. Natürlich muss man sich nicht einbilden, dass ein mit schwimmenden Milliardärsspielzeugen gefüllter Yachthafen einen Preisträgerfilm über einen belgischen Kleinkriminellen auch nur einen Deut besser, schlechter oder wichtiger macht. Und doch tritt die perverse Phänomenologie des Lebens in Cannes immer ein wenig deutlicher zutage als anderswo. Hier, wo in jedem zweiten Haus eine Immobilienagentur sitzt, wo ein Apartment mit Blick auf die Galatreppe für bis zu 150000 Euro vermietet wird und ein aus dem vierten Stock gefallener Rottweiler die Hauptnachricht der Lokalpresse ist.

Tatsächlich formulierten die Filme im Wettbewerb des Festivals in diesem Jahr ein erstaunlich homogenes Unbehagen an den Verhältnissen. Es schien, als habe sich das internationale Autorenkino regelrecht verschworen, um mit ausholender Geste von der Verunsicherung der postbürgerlichen Gesellschaften, vom Versagen der alten Glücksversprechen und materialistischen Sicherheitsnetze zu erzählen. Auf den 58. Filmfestspielen von Cannes ließ sich wunderbar vergleichen, wie die einzelnen Filmländer auf die große Sinnkrise reagieren. Etwas vereinfacht könnte man sagen: Die Italiener schicken ihre wohlgenährten Kinder zur Aufklärung in Flüchtlingslager, und die Koreaner bringen sich um. Die Franzosen flüchten sich in Swinger-Sex-Fantasien, und die amerikanischen Männer machen sich auf die Suche nach den unehelichen Kindern, die sie womöglich in der Welt verstreut haben.

Bei dieser Werte- und Identitätssuche des internationalen Autorenkinos waren zwiespältige Vaterschaften sogar eine Art Leitmotiv des Festivals. Zärtlich inszenierte Jim Jarmusch seinen Helden als erfolgreichen Selfmademan, der nun durch den Fernseher in die Leere seines Wohlstands starrt. In Broken Flowers (Großer Preis) schickt der amerikanische Independent-Regisseur einen wunderbaren Bill Murray durch die amerikanische Provinz auf die Suche nach einem angeblich erwachsenen Sohn. Es ist eine Reise in die Vergangenheit, zu den Frauen seines Lebens, die in ihren einstmals hoffnungsfrohen Lebensentwürfen stecken geblieben sind: Esoterik, Naturverbundenheit, Reichtum, Hausfrauenperfektion.

Lauter Helden im komfortablen Schlamassel des Lebens

Jarmuschs Roadmovie führt durch triste Highway-Landschaften und rosa Wohnzimmer, durch Fertighauspaläste und in die Outdoor-Fantasien der Althippies. Im Blick der Menschen, die sich zwanzig Jahre nicht gesehen haben, trifft alles aufeinander: die Wehmut des Älterwerdens, die Frage, ob alles ganz anders hätte kommen können, und die Verunsicherung einer Generation, aus deren Daseinskonstrukten es plötzlich hohl zurücktönt.

In einer auffällig parallelen Handlung schickt auch Jarmuschs Kollege Wim Wenders seine Hauptfigur, einen alternden Cowboy-Darsteller, auf die Suche nach einem angeblich erwachsenen Sohn. Schon mit dem ersten Bild seines Films Don’t come knocking schien sich die Leinwand des Festivalpalasts nach allen Seiten zu dehnen, weil Wenders den unendlichen Sehnsuchtsraum der amerikanischen Landschaft wie kaum ein anderer zu filmen vermag. In seinem neuen Film werden die roten Felsformationen und Wüstenpanoramen jedoch von der bis zum Exzess ausgebeuteten Western-Ikonografie befreit. Gleich zu Beginn flieht Howard Spence (Sam Shepard) in Cowboy-Kluft mit dem Pferd vom Filmset. Wir sehen einen Mann, der aus den Westernbildern herausreitet, die Sporen ablegt und seiner eigenen Spur in die Vergangenheit folgt. In Don’t come knocking ist die amerikanische Weite nicht mehr der große Möglichkeitsraum, in dem sich jeder selbst entwirft – sondern pure Landschaft. Auch Wenders’ Held hat sich von den Ideenträgern der vorherigen Filme zu einem recht armseligen Häuflein Mensch gewandelt. Howard Spence ist ein versoffener Versager, der bei seiner Mutter Unterschlupf findet. Er muss sich von seiner ehemaligen Geliebten (Jessica Lange) als feiger Egoist beschimpfen lassen und stapft einem Sohn hinterher, in dem seine Eitelkeit womöglich nur den letzten Halt erblickt. Am Ende wird Spence wieder vor der Kamera einer Prärieschmonzette stehen, gefangen in jenem Männermythos, mit dem Wenders gerade abgerechnet hat.

Wie immer bei Wenders gibt es peinlich-pathetische Szenen. Auch diesmal liegen die Schwächen in der Schauspielerführung und in einer Inszenierung, die den Zuschauer manchmal wie ein unmündiges Kind an die Hand nimmt. Und doch ist Wenders mit Don’t come knocking endlich von der Kanzel gestiegen, hat sich auf eine Figur, eine Geschichte und eine Landschaft eingelassen. Vom Missionar ist er wieder zum Erzähler geworden.