Das Kino von David Lynch beginnt dort, wo der gesunde Menschenverstand endet. Aber es bleibt auf ihn angewiesen. Lynch inszeniert vernünftig und verrückt zugleich. Er stürzt den Zuschauer in eine Welt voller unlösbarer Rätsel und unkontrollierbarer Energie. Und doch rechnet er mit einem Betrachter, der sich auf diese Welt einen Reim zu machen versucht; der verstehen möchte; der dem Geheimnis auf die Spur kommen will. Womöglich wird dieser Betrachter nie an sein Ziel kommen. Er wird sich im Dunkel verlieren, er wird aus der Kurve getragen, er bleibt unvermittelt stehen, wie hypnotisiert, und kostet den Schwindel aus. Irgendwann wird er merken, dass er an des Rätsels Lösung kaum heranreicht – und dass er dem Geheimnis trotzdem sehr nahe gekommen ist. Denn sein unstillbares Verlangen selbst ist der Treibstoff des Lynchschen Kinos. Dem unvergleichlichen Glühen der Bilder, der immer wieder langsam sich in die Szene hineinsaugenden Kamera entspricht der Wunsch des Zuschauers, einmal bis in die entscheidende, innerste Wunderkammer des Films vorstoßen zu können. Diese Wunderkammer aber ist sein eigener Kopf.

Mit den Köpfen der Kinobesucher kann Lynch nur indirekt spielen. In denen seiner Filmfiguren tobt er sich direkter aus. Mulholland Drive, Lynchs bisher letztes Werk (und eines seiner besten), folgt zu einem guten Teil den verzweifelten Vorspiegelungen eines ausgerasteten Bewusstseins. Im Grunde ist der ganze Film eine finstere Hommage an die Einbildungskraft. Von ihr lebt das Kino. Von ihr zehren die Leidenschaften. Sie stiftet zur Liebe an und zum Verbrechen. Und Lynch nimmt sie ernst wie kaum ein anderer Regisseur. Er richtet sogar seine Regie an ihren Kapriolen aus und verkauft den Ritt auf dieser unberechenbaren Geisterbahn als Realität.

Mulholland Drive erzählt zugleich von der Traumfabrik in Los Angeles und von der Traumfabrik in unser aller Hirn. Eine junge blonde Frau aus Deep River, Ontario, kommt nach Los Angeles mit dem frommen Wunsch, eine gefeierte Schauspielerin zu werden. Sie stößt allerdings in ihrer neuen Wohnung zunächst auf eine dunkelhaarige Frau ohne Gedächtnis. Der möchte sie behilflich sein. Bei der gemeinsamen Suche nach der verlorenen Vergangenheit kommt plötzlich eine zweite, verdrängte Vergangenheit zum Vorschein, die nicht der dunkelhaarigen, sondern der blonden Frau gehört. Zur gleichen Zeit wechseln auf mysteriöse Weise die Hauptdarstellerinnen eines Filmprojekts, auf das offenbar die Mafia mehr Einfluss hat als der smarte Regisseur. Vielleicht ist aber auch die Mafia nur Erfüllungsgehilfe einer noch dunkleren Macht. Die entscheidende Befehlsgewalt geht nämlich von der Einbildungskraft aus. Und die kämpft, bis sie im Augenblick des Todes erlischt, ein heftiges letztes Gefecht.

Schließlich verschwindet der Film auf faszinierende Weise in sich selbst wie in einem schwarzen Loch. Zurück bleiben das Staunen, der Zauber. Die Essenzen des Kinos. Lynch liefert sie in seltener Reinheit.