Willkommene Wiederentdeckung zum Schiller-Jahr. Nach 100 Jahren trabt es wieder in die Arena, Das teutsche Dichterroß - In allen Gangarten vorgeritten von Hanns von Gumppenberg. Dass der 1866 in Landshut geborene Autor, Mitbegründer des berühmten Literaturkabaretts Die Elf Scharfrichter, zu Unrecht vergessen ist, wird klar, wenn sein Nachfolger in der Münchner Kabarettszene, Dieter Hildebrandt, spricht. Da kommt kein Scheibenwischer mit, so laufen dem Hörer dieser CD die Freudentränen.

Als Prof. Dr. Immanuel Tiefbohrer hält in Gumppenbergs Auftrag Hildebrandt Zwei Weimarer Festvorträge über Goethes Weder - Weder und Schillers Noch - Noch. Mit dem salbungsvollen Ton des hinter dem Vatermörder verbarrikadierten Festredners wilhelminischer Zeit orgelt Tiefbohrer, ein anderer Prof. Unrat jener Tage, seine hohlen Sprüche über den Genius des unsterblichen Meisters - und kippt weg in die hippelige Zungenfertigkeit des silbenstechenden Philologen, der aus scheinbar grammatikalisch falschen Wortverbindungen tiefste Einsichten in Leben und Werk der Geistesheroen gewinnt.

Goethe lässt Gretchen auf Fausts erste Annäherung nach dem Kirchgang sagen Bin weder Fräulein, weder schön, / Kann ungeleitet nach Hause gehn, anstatt weder - noch. Wie nun Gumppenberg aus dieser Formulierung Goethes Sprachkunst beweist, vom klassischen weder - noch (neque - neque) der Römer (zweimal E-Laut) über das Doppel-E im Namen Gretchen bis hin zur (Fisch-)Gräte, weil Gretchen ja im Backfischalter sei, das ist eine große Satire auf die Sprachwissenschaft. Virtuos auch die Deutung von Schillers Don Carlos. Wer soll dem König sagen, dass es zwischen Königin und dem Infanten eine erotische Beziehung gibt? Domingo, Beichtvater des Königs: Noch Sie, noch ich ... Gumppenberg erschließt aus der Einsilbigkeit dieser Formulierung Schillers dramatisches Genie, bis hin zum Rachenkatarrh des ch röchelnden, im ungeheizten Kloster lebenden Beichtvaters, dessen dürre Knochen man in dem doppelten noch - noch klappern höre. Die beiden Vorträge enden im Jubelruf: Weder noch Goethe, noch weder Schiller.

Hanns von Gumppenberg: Goethes Weder - Weder, Schillers Noch - Noch

Sprecher: Dieter Hildebrandt, Litraton, Hamburg, 1 CD, 28 Min., 9,90 e