europa Vereint im Nein

Niederländer und Franzosen haben unterschiedliche Gründe, gegen die EU-Verfassung zu stimmen. Das »non« drückt enttäuschte Liebe aus, das »nee« pure Gleichgültigkeit

Paris/Den Haag

Welch eine Leidenschaft! Ganz Frankreich bebt für den europäischen Verfassungsvertrag, in jedem Bistro, im Familienkreis und unter Wildfremden auf der Wartebank eines Provinzbahnhofs. Codewörter schnellen hin und her, »freier und unverfälschter Wettbewerb«, »das Recht auf Leben«, »die Freiheit, seine Religion öffentlich zu bekennen«, blitzartig eingefügt in den lebendigsten Streit. Artikel II-63, bist du nun dafür oder dagegen, denn das könnte bedeuten, dass das Kopftuch in der Schule erlaubt würde. Und Artikel II-62, der sagt doch nichts anderes, als dass Abtreibung verboten werden kann, oder? So geht das, Wort für Wort. muss jeder kleine Franzose bimsen. Heute zeigt eine ganze Nation, durch welche Schule sie ging. Es geht nicht einfach um einen Verfassungsvertrag und das Votum des Volkes, es geht um viel mehr, ums Ganze, um eine friedliche, schöne, soziale Revolution, von der die Franzosen in ihrer Geschichte so oft träumten. Als stünde da in Brüssel eine Bastille, als schlüge am 29. Mai gleich der

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Über das Für und Wider, das schicksalhafte Ja oder Nein geraten sich Freund und Freundin, Vater und Tochter, Mutter und Sohn in die Haare. Sonntagnacht, bis früh um eins, habe er sein Bestes versucht, erzählt der Filius. Vergebens, maman sei bei ihrem kategorischen Nein zum Vertrag geblieben. Sie denke halt so, verteidigt sich anderntags die Mutter, weil ihr das alles zu liberal klinge. Maman heißt übrigens Danielle Mitterrand und der Nachtarbeiter Gilbert. Den toten Vater und Gatten François, einst Präsident der Republik, hätten beide gerne als Kronzeugen, fürs Ja, fürs Nein. Doch bei aller Leidenschaft schweigen die Gräber.

Was für eine Lustlosigkeit. Da thront ein junger Mann einsam auf seiner Obstkiste, mitten auf einem leeren Platz in Den Haag, wedelt mit seinem Flugblatt fürs nee und trippelt tapfer auf fünf roten Buchstaben, »tegen« , dagegen. Der Politiker von der kleinen sozialistischen Partei gehörte in den ersten Maitagen zu den wenigen Wahlkämpfern für das niederländische Referendum am 1. Juni. Vor allem die großen Parteien links und rechts der Mitte hielten sich zu lange zurück, ebenso die Medien. Den Holländern ist diese erste Volksabstimmung in der modernen Geschichte ihres Landes sichtlich ungewohnt, fast fremd. Am vergangenen Wochenende etwa machten die 20-Uhr-Nachrichten artig mit dem Thema auf, endlich, ein paar Politiker zischten ihr pilsje mit Passanten, dank Zwischenhoch im kühlen Mai. Kameraschwenk, und husch zurück ins Studio, nächster Punkt, die Erfolge der Fußreflexmassage. Für diese Geringachtung der EU-Verfassung würde in Frankreich der Programmchef gefeuert und guillotiniert, unblutig natürlich.

Mancher niederländische Reporter schweift frustriert gen Süden, nach Frankrijk. Dort stapeln sich in den Buchhandlungen dutzendweise die Bestseller, die dem Verfassungstext gewidmet oder wenigstens mit dem Wörtchen Europa geschmückt sind. Dort lassen sich für Hollands Reporter im Handumdrehen die Bilder finden, die in den Niederlanden so auf sich warten lassen. Freilich, vor ein paar Wochen, als Königin Beatrix ihre 25 Jahre auf dem Thron feierte, war das anders, da war ganz Holland auf den Beinen und ertrank im Bilderrausch. Was ist schon ein trockener Text über Europa, verglichen mit dem Glanz der Oranien-Monarchie.

Das hindert die Holländer natürlich nicht, sich eine Meinung zu bilden. Die Umfragen melden ein klares Nein, über 60 Prozent der Niederländer wollen so stimmen. Erst nach solchen Wasserstandsmeldungen bequemten sich die Herren und Damen in der Ersten und Zweiten Kammer zu Den Haag unters Volk.

Hier wie dort lehnt die Bevölkerung die regierenden Eliten ab

Geert Wilders war noch einer der Ersten, der Mann mit dem mächtigen Silberschopf, der ihm den Spitznamen Mozart einbrachte. Wilders heißt nicht nur so, trotz seines immerfreundlichen Lächelns. Ein nee- Sager, den es von der liberalkonservativen VVD in seine Ein-Mann-Partei verschlagen hat, der gegen Einwanderung, Europa, Establishment donnert. Islamisten haben ihm mit dem Tode gedroht, die Leibwächter gehören bei seinem gepanzerten Wahl-Bus »TourNEE« so fest dazu wie der Chauffeur. Im heimischen Venlo startete Wilders am 16. Mai seine Tour, da war ganz Frankreich schon seit Wochen aus dem Häuschen. Und prompt brachte Wilders seine Botschaft an den Falschen. »Nein, danke«, schallte es dem Verdutzten entgegen – er war an Deutsche geraten, die scharenweise zum Einkaufsbummel ins Grenzstädtchen gekommen waren.

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