Wenn das entchristlichte Europa einen symbolischen Ort hat, dann liegt er in den Hochhaussiedlungen der Großstädte. Früher als anderswo sind die Menschen dort zu dem Schluss gekommen, dass sie Gott nicht brauchen oder aber dass Gott sich von ihnen abgewandt hat. Das Märkische Viertel in Berlin-Reinickendorf ist solch eine Betonwüste, in der sich ein 18-stöckiger Wohnblock an den anderen reiht. Hier, wo soziale Strukturen erodieren und Traditionen keine Macht mehr haben, hat sich kaum jemand die Bindung an eine der beiden großen Kirchen bewahrt. Eine wahrhaft gottlose Gegend, könnte man sagen. Hier müssen es Christen schwer haben.

Wie ist es da zu erklären, dass die evangelische Apostel-Petrus-Gemeinde, deren hässlicher Flachdachbau sich nahtlos in die Architektur des Stadtteils einfügt, neue Mitglieder hinzugewinnt? Wie kann es sein, dass ihre Gottesdienste jeden Sonntag von etwa 250 Gläubigen besucht werden? »Am Schlagzeug in der Kirche liegt es nicht«, sagt Swen Schönheit, einer der beiden Pfarrer der Gemeinde. Die Inhalte seien es. Ohne sie wäre die Gemeinde nur ein gewöhnliches Mitglied der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz. Tatsächlich gehört sie dem evangelikalen Zweig des Protestantismus an. Benutzen möchte Schönheit das Wort evangelikal für seine Gemeinde freilich nicht. Es klingt in seinen Ohren nach Bush und der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten. Evangelikal bleibt die Gemeinde trotzdem. Das räumt er ein.

Homosexualität als Unfall der Schöpfung – oder psychische Störung

In Deutschland ist der Begriff seit den sechziger Jahren als Rückübersetzung des amerikanischen evangelical für theologisch konservative Protestanten gebräuchlich – als Sammelbegriff, versteht sich, denn die Unterschiede im Einzelnen sind erheblich. Evangelikale betrachten die Bibel als oberste Autorität für Leben und Glauben, als Letztbegründung, die nicht durch die Kritik der liberalen Theologie verwässert werden soll. Sie glauben an die Wiedergeburt durch Jesus Christus. Und sie stellen die persönliche Beziehung zu ihm in den Mittelpunkt dieses Lebens. Das hat auch Konsequenzen für die äußeren Formen. Kirchliche Traditionen spielen für Evangelikale kaum eine Rolle, sie suchen nach neuen Arten der Vermittlung. Daher das Schlagzeug.

Aber eine Gitarre tut es auch, wie sich am Pfingstsonntag zeigt. Der Gottesdienst im schmucklosen Saal der Apostel-Petrus-Gemeinde, der an die Aula einer Grundschule erinnert, ist lebhaft, die Stimmung eher freudig erregt als feierlich. Traditionelle Kirchenlieder und Sakro-Pop wechseln einander ab. Während die Gemeinde darauf hofft, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden, spielt ein junger Mann moderne Lieder auf der Gitarre, von der Liebe Christi, der Hoffnung auf seine Nähe und seinen Frieden. Alle singen mit. Manche stehen auf und erheben die geöffneten Hände, um den Heiligen Geist zu empfangen.

Unter dem modernen Äußeren verbergen sich feste Grundsätze. Die meisten Evangelikalen sind Kreationisten, sie halten am Wortlaut der Schöpfungslehre fest und leugnen die biologische Evolution. Homosexualität wird im Allgemeinen als Unfall der Schöpfung oder als psychische Störung angesehen. Ihre Vorstellungen von Moral, Lebensschutz und Bioethik unterscheiden sich kaum von denen des Vatikans. So sind sie in einem Dilemma: Einerseits haben sie genug reformatorisches Feuer – ins Negative gewendet, könnte man von Antipapismus sprechen –, um angesichts der Traditionen und Lehren des Katholizismus zu schaudern. Andererseits finden sie in Rom einen Verbündeten.

Etwa 1,3 Millionen evangelikale Christen gibt es in Deutschland, davon 600000 in den evangelischen Landeskirchen, der Rest in verschiedenen Freikirchen. Drei Hauptgruppen lassen sich unterscheiden: die Allianz-Evangelikalen, die charismatischen Evangelikalen beziehungsweise Pfingstler und die Bekenntnisevangelikalen. Die erste Gruppe bildet die Mehrheit und wird durch die Evangelische Allianz in Deutschland vertreten, die Teil eines 1846 in London gegründeten, weltweiten Bruderbundes ist. Mit der Nachrichtenagentur idea verfügt die Allianz über ein journalistisches Sprachrohr.