30. Evangelischer Kirchentag Erweckung und Wiedergeburt
In Deutschland gibt es 1,3 Millionen evangelikale Christen – konservative Protestanten, die die Bibel als oberste Autorität betrachten. Ihre Zahl wächst stetig, und sie suchen Einfluss auf die Politik
Wenn das entchristlichte Europa einen symbolischen Ort hat, dann liegt er in den Hochhaussiedlungen der Großstädte. Früher als anderswo sind die Menschen dort zu dem Schluss gekommen, dass sie Gott nicht brauchen oder aber dass Gott sich von ihnen abgewandt hat. Das Märkische Viertel in Berlin-Reinickendorf ist solch eine Betonwüste, in der sich ein 18-stöckiger Wohnblock an den anderen reiht. Hier, wo soziale Strukturen erodieren und Traditionen keine Macht mehr haben, hat sich kaum jemand die Bindung an eine der beiden großen Kirchen bewahrt. Eine wahrhaft gottlose Gegend, könnte man sagen. Hier müssen es Christen schwer haben.
Wie ist es da zu erklären, dass die evangelische Apostel-Petrus-Gemeinde, deren hässlicher Flachdachbau sich nahtlos in die Architektur des Stadtteils einfügt, neue Mitglieder hinzugewinnt? Wie kann es sein, dass ihre Gottesdienste jeden Sonntag von etwa 250 Gläubigen besucht werden? »Am Schlagzeug in der Kirche liegt es nicht«, sagt Swen Schönheit, einer der beiden Pfarrer der Gemeinde. Die Inhalte seien es. Ohne sie wäre die Gemeinde nur ein gewöhnliches Mitglied der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz. Tatsächlich gehört sie dem evangelikalen Zweig des Protestantismus an. Benutzen möchte Schönheit das Wort evangelikal für seine Gemeinde freilich nicht. Es klingt in seinen Ohren nach Bush und der religiösen Rechten in den Vereinigten Staaten. Evangelikal bleibt die Gemeinde trotzdem. Das räumt er ein.
Homosexualität als Unfall der Schöpfung – oder psychische Störung
In Deutschland ist der Begriff seit den sechziger Jahren als Rückübersetzung des amerikanischen evangelical für theologisch konservative Protestanten gebräuchlich – als Sammelbegriff, versteht sich, denn die Unterschiede im Einzelnen sind erheblich. Evangelikale betrachten die Bibel als oberste Autorität für Leben und Glauben, als Letztbegründung, die nicht durch die Kritik der liberalen Theologie verwässert werden soll. Sie glauben an die Wiedergeburt durch Jesus Christus. Und sie stellen die persönliche Beziehung zu ihm in den Mittelpunkt dieses Lebens. Das hat auch Konsequenzen für die äußeren Formen. Kirchliche Traditionen spielen für Evangelikale kaum eine Rolle, sie suchen nach neuen Arten der Vermittlung. Daher das Schlagzeug.
Aber eine Gitarre tut es auch, wie sich am Pfingstsonntag zeigt. Der Gottesdienst im schmucklosen Saal der Apostel-Petrus-Gemeinde, der an die Aula einer Grundschule erinnert, ist lebhaft, die Stimmung eher freudig erregt als feierlich. Traditionelle Kirchenlieder und Sakro-Pop wechseln einander ab. Während die Gemeinde darauf hofft, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden, spielt ein junger Mann moderne Lieder auf der Gitarre, von der Liebe Christi, der Hoffnung auf seine Nähe und seinen Frieden. Alle singen mit. Manche stehen auf und erheben die geöffneten Hände, um den Heiligen Geist zu empfangen.
Unter dem modernen Äußeren verbergen sich feste Grundsätze. Die meisten Evangelikalen sind Kreationisten, sie halten am Wortlaut der Schöpfungslehre fest und leugnen die biologische Evolution. Homosexualität wird im Allgemeinen als Unfall der Schöpfung oder als psychische Störung angesehen. Ihre Vorstellungen von Moral, Lebensschutz und Bioethik unterscheiden sich kaum von denen des Vatikans. So sind sie in einem Dilemma: Einerseits haben sie genug reformatorisches Feuer – ins Negative gewendet, könnte man von Antipapismus sprechen –, um angesichts der Traditionen und Lehren des Katholizismus zu schaudern. Andererseits finden sie in Rom einen Verbündeten.
Etwa 1,3 Millionen evangelikale Christen gibt es in Deutschland, davon 600000 in den evangelischen Landeskirchen, der Rest in verschiedenen Freikirchen. Drei Hauptgruppen lassen sich unterscheiden: die Allianz-Evangelikalen, die charismatischen Evangelikalen beziehungsweise Pfingstler und die Bekenntnisevangelikalen. Die erste Gruppe bildet die Mehrheit und wird durch die Evangelische Allianz in Deutschland vertreten, die Teil eines 1846 in London gegründeten, weltweiten Bruderbundes ist. Mit der Nachrichtenagentur idea verfügt die Allianz über ein journalistisches Sprachrohr.
Natürlich verzeichnen die Evangelikalen in Deutschland nicht ein ähnlich stürmisches Wachstum wie in Lateinamerika oder in Afrika. Aber sie bleiben zumindest von dem Exodus verschont, der die beiden großen Kirchen ausbluten lässt. Die evangelikalen Gemeinden in den Landeskirchen und die Freikirchen können sogar auf ein bescheidenes Wachstum verweisen. In Bremen beispielsweise zählen die fünf evangelikal geprägten Gemeinden mehr Gottesdienstbesucher als alle anderen zusammen. Die Freikirchen haben in Deutschland sogar ein jährliches Mitgliederwachstum von zwei bis drei Prozent, woran die Pfingstler den größten Anteil haben. Die Arche-Gemeinde in Hamburg, die dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden angehört, lässt gerade eine neue »Glaubenshalle« mit 2000 Plätzen bauen. Der alte Saal bietet nur 500 Menschen Raum – die meisten Gemeinden wären froh, einen solchen Raum wenigstens gelegentlich füllen zu können. Auch in der EKD gibt es schon einen charismatischen Arbeitskreis, die Geistliche Gemeindeerneuerung in der Evangelischen Kirche, die auf die Erweckung und christliche Wiedergeburt Deutschlands hofft.
Wiedergeburt – das bedeutet hier, den Heiligen Geist empfangen zu haben. »Irgendwann macht es klick«, sagt Andreas Mertin, Jugendpfarrer in der Arche-Gemeinde. Er selbst sei 15 Jahre alt gewesen, als er sich entschieden habe: »Mein Leben soll Jesus gehören.«
Der Erfolg der Evangelikalen liegt zum Teil in ihrem entschiedenen Bekenntnis zur Mission als einer der wichtigsten Aufgaben des Christentums. Christen hätten eine »Bringschuld«, sagt Pastor Swen Schönheit, sie sollten Heiden und Atheisten mit dem Evangelium bekannt machen. Dazu bietet seine Gemeinde seit 1997 so genannte Alpha-Kurse an, Glaubenskurse, die an der Holy Trinity Brompton Church in London entwickelt wurden – ein »niederschwelliges Angebot« für Menschen, die zuvor kaum etwas vom Christentum gehört haben. In Berlin ist das fast die Regel. Nur noch 40 Prozent der Einwohner gehören nach Angaben des Statistischen Landesamts einer Religionsgemeinschaft an.
Wer im Alpha-Kursus auf den Geschmack gekommen ist, wird ermuntert, sich einem Hausbibelkreis anzuschließen. Alle Kreise werden von Laien geleitet. »Im Zentrum der Gemeinde steht nicht der Pfarrer«, sagt Schönheit, »sondern Jesus Christus.« Der Pfarrer solle nur der »Trainer der Gläubigen« sein. Wird ein Kreis zu groß, wird er geteilt. »Zellteilung« nennt Schönheit das. So wächst das Netzwerk.
Abkehr von Martin Luthers Zwei-Reiche-Lehre
Schon gibt es übergeordnete Bündnisse. Die Initiative Gemeinsam für Berlin besteht aus Vertretern landeskirchlicher und freikirchlicher Gemeinden, die sich von Christus beauftragt fühlen, »den Menschen dieser Stadt seine Liebe zu bezeugen«. Pastor Schönheit ist dort zweiter Vorsitzender. Axel Nehlsen, Geschäftsführer der Initiative, landeskirchlicher Pfarrer und Mitglied der Evangelischen Allianz Berlin, sagt: »Der Anlass für die Gründung war das Leiden an dieser Stadt.« Es gehe um Remissionierung, darum, das Evangelium in alle Winkel des Lebens zu tragen, aber auch darum, evangelikale Christen an ihre gesellschaftspolitische Verantwortung zu erinnern. Die Politik soll nicht länger den progressiven Protestanten überlassen bleiben.
Das ist natürlich nur ein vorsichtiger Schritt. Aber es gibt andere Initiativen, die den Evangelikalen mehr politischen Einfluss verschaffen. So wird in etwa zwei Wochen bereits zum zehnten Mal die Internationale Berliner Begegnung stattfinden, die im Kleinen dem jährlichen Nationalen Gebetsfrühstück in Amerika entspricht. Wie in Washington wollen auch in Berlin Kirchenvertreter unmittelbar auf Politiker einwirken. Damit lösen sich die deutschen Evangelikalen von Luthers Zwei-Reiche-Lehre, die politische Zurückhaltung nahe legt. Von einem Einfluss, wie er in Amerika zu verzeichnen ist, sind sie aber noch weit entfernt.
Diskret ist das evangelikale Christentum nicht. Es gefällt nicht jedem. Nicht nur Liberale, auch Traditionalisten dürften ihre Schwierigkeiten damit haben. Die Geringschätzung kirchlicher und philosophischer Traditionen bringt unweigerlich eine gewisse Verarmung des Denkens mit sich. Ernst zu nehmen sind sie dennoch.
Hartmut Steeb, der Generalsekretär der Evangelischen Allianz in Deutschland, hält es zumindest für möglich, dass von landes- und freikirchlichen Evangelikalen langfristig eine Rechristianisierung Deutschlands ausgehen könnte.
- Datum 26.12.2006 - 11:11 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.05.2005 Nr.22
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