Wissen Sie eigentlich, was Pressearbeit ist? Ich sage Ihnen: Sie wissen es nicht! Sie denken wahrscheinlich, es sei die Arbeit, die von der Presse geleistet wird. Tatsächlich handelt es sich aber um die Arbeit, die an der Presse geleistet wird. Pressearbeit in diesem Sinne, die von den Marketingabteilungen großer Firmen und Verbände geleistet wird, müsste deshalb semantisch korrekt Pressebearbeitung heißen, und auch das wäre noch ein Euphemismus, denn sie besteht vor allem darin, durch massenhafte Aussendung von E-Mails einen ähnlichen Effekt wie den der Neutronenbombe zu erzielen. Das heißt: Äußerlich ist dem Journalisten nach Durchsicht seines Mail-Verzeichnisses nichts anzumerken, aber innerlich ist er, nun ja, nicht mehr ganz derselbe. Die Schädeldecke weist keine Einschusslöcher auf, aber das Hirn darin, wie sagt man gleich?, ist weich geworden. Die Bundesanstalt für Materialprüfung kennt das Phänomen als Werkstoffermüdung. Goethe hat es in seiner vorwissenschaftlich-poetischen Sprache so formuliert: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Wenn man die Texte eines Journalisten liest, der Opfer von Pressearbeit geworden ist, wird man feststellen, dass seine sonst stahlharten Sätze an einigen Stellen quarkartig nachgeben, an den Satzrändern tritt dabei oft Molke aus. Erfahrene Redakteure tupfen die eklige Flüssigkeit weg, bevor sie solche Texte zum Druck geben, aber damit ist die Krankheit nicht kuriert, sondern nur kosmetisch verborgen. Tatsächlich zeigen die Texte unter dem Mikroskop eine schwammartige Struktur, mit anderen Worten: Es handelt sich um BSE, und damit drängt sich sogleich der Schluss auf, dass die Krankheit, die wir bisher nur mit Rindern in Verbindung gebracht haben, auch bei diesen schon durch Pressearbeit hervorgerufen wurde. Stellen wir uns nur einen Kuhstall vor, der über Wochen von der Marketingabteilung der Schweinelobby mit Pressematerial bombardiert wurde: Die Gedemütigten senken die Köpfe, sie können dem Bauern nicht mehr gerade in die Augen gucken, sie machen seltsam scharrende Bewegungen mit den Vorderhufen, als suchten sie auf einer imaginären Computertastatur den Befehl zum Löschen und Neuformatieren der Festplatte. Jedoch: vergebens. Die Festplatte lässt sich nicht neu formatieren, sie ist schon fremdformatiert worden. Solche Hirnochsen nennt man deshalb seit alters auch – Journalisten.