Zuerst bleibt er noch im Schatten und zieht, gemächlich schreitend, Kreise um den jungen Sänger, der vorn im Licht am Flügel steht mit Lockenkopf und geblähter Brust: "O Mädchen, Mädchen, / Wie lieb ich dich! / Wie blickt dein Auge! / Wie liebst du mich!", singt der Jüngling Goethes Worte in Beethovens Tönen. Geschmeidige Stimme. Dietrich Fischer-Dieskau tritt näher, eine hohe Gestalt, dunkel gekleidet, lässt wiederholen, singt ein wenig mit, unterstreicht das "liebst" mit einer Armbewegung, er formt es, und man ahnt, was alles in diesem Wort steckt. Vielleicht sogar ein bisschen Selbstgenuss? Weidet sich der Dichter nicht auch an dem, was er bei seiner Geliebten anrichtet? "Ein gewisser Grad von Brunst ist ja dabei", sagt der Meister lächelnd. "Friederike von Sesenheim muss sehr hübsch gewesen sein… So, einmal kannste noch. Komm."

Auch Patricia Highsmiths smarter Mörder Tom Ripley liebt diese Stimme

Dietrich Fischer-Dieskau schickt den Jüngling mit einem Klaps wieder ins Mailied. Gesangskurs an der Universität der Künste in Berlin, fünf Minuten vom Bahnhof Zoo entfernt – und doch nicht ganz von dieser Welt. Es ist eigentümlich, im Dunkeln zu sitzen mit rund vierhundert andächtigen, teils eifrig mitnotierenden Bildungsbürgern und Studenten, auf Sänger zu schauen und Kunstlieder zu hören. Singender Jüngling im lockigen Haar – es hat zunächst etwas rührend Anachronistisches, aber je länger der bald achtzigjährige Lehrer an Takten feilt, an Worten, desto deutlicher wird, dass diese fragile, zweihundert Jahre alte Musik uns etwas sagt. Das Podium rückt ins Zentrum der Welt. "O Erd, o Sonne! / O Glück, o Lust!" Der Lehrer will die Worte nicht nur deutlich haben, er will ihre Tiefe, Form und Kraft.

Und er ist nett zu seinen Schülern. Schließlich ist für sie auch eine gewisse Scheu zu überbrücken vor einem Mann, der mit achtzig Jahren immer noch einer der berühmtesten Musiker der Welt ist. Rund um die Erde hat man ihn auf Konzertpodium und Opernbühne gefeiert und verehrt. Er war es vor allem, der seit den fünfziger Jahren das romantische Klavierlied aus dem Schatten des Operngesangs holte und konzertfähig machte, mit deutendem Nachdruck die öffentliche Einsamkeit des Liedgesangs einem riesigen Publikum erschließend. Tausend Plattenaufnahmen gibt es mit ihm, davon zehn Mal Franz Schuberts Winterreise. Bis in die Weltliteratur ist "FiDi" damit geraten: Patricia Highsmiths Talentierter Mr. Ripley sammelt Platten des Berliner Sängers, die er nach seinen Morden in New York zur Entspannung auflegt…

Am kleinen Klingelschild vor der Charlottenburger Villa steht in verwitterter Schreibmaschinenschrift: "Fischer-D." In diesem Haus, einem schnörkellosen weißen Bau der frühen Moderne, wohnt der Sänger seit 57 Jahren. Direkt aus dem Elternhaus ist er hierhin gezogen, als seine Laufbahn begann. Hier bestaunte ein Reporter, der 1964 für eine Titelstory des Spiegels recherchierte, den "livrierten Butler" des nicht einmal 30-jährigen Weltstars. Doch jetzt wird die Tür von einer asiatischen Hausangestellten geöffnet. Dann erscheint der Meister. Ungebeugt, an die zwei Meter hoch, schwarze, nobel legere Kleidung. Mittelkurzes Silberhaar, das rosige Gesicht eines 60-Jährigen, der Gang gelassen und elastisch, die Stimme locker, die dunklen Augen verraten nichts.

Auf dem Couchtisch in der Mitte einer Suite stehen Tee und Konfekt, ringsum großbürgerliches Ambiente mit Flügel und Kamin, Büchern und Bildern, gediegen, nicht geprotzt, noble Balance. In einer solchen befindet sich auch der Hausherr. Von dem man gern wüsste, wie es ihm mit seinen begabten jungen Schülern ergeht, ob ihre Anfänge den seinen zu vergleichen sind. Nun ja, "Erleichterung" äußert er darüber, "dass noch Interesse da ist am Lied". Aber vom Glück des Unterrichtens lässt er jetzt wenig merken. Doch, ja, es seien ganz Fleißige dabei. Viele Schüler hätten indessen falsche Vorstellungen vom Gesang und wollten mit wenig Mühe leicht zu Geld kommen. Und: "Wie erziehe ich junge Leute dazu, wirkliches Legato zu singen? Wie kann ich es erzwingen, ja ertrotzen?"

Er lächelt. Tatsächlich geht er ja keineswegs despotisch mit den Schülern um und respektiert auch ihre Scheu. "Es ist eine Frage des Takts", sagt er, "dass man die nicht verwirrt." Bei ihm selbst hätten Scheu oder Lampenfieber "nie eine Rolle gespielt. Als ich anfing, war ich in der glücklichen Lage, ans Singen und an nichts anderes zu denken …" Er erinnert sich gern, wie nach ersten Auftritten 1948 ein Berliner Gesangspädagoge ihm zurief: "Sie werden kein Jahr mehr singen, kein Jahr!" Und Karl Erb, der berühmte Tenor, 70 Jahre alt, lud den 23-Jährigen ein: "Kommen Sie zu mir, damit Sie lernen, wie man Schubert singt. Das hat der fertiggebracht! Nein, natürlich bin ich nicht hingegangen!" Fischer-Dieskau lächelt fern, noch immer amüsiert fassungslos über die "warnenden Stimmen" damals.

Doch er selbst geht mit dem jungen Sänger, der er war, nicht ungern ins Gericht. Seine erste Aufnahme der Winterreise, für den Rundfunk, habe "eine larmoyante Note, die Schubert peinlichst vermieden hat". Überhaupt habe er den Zyklus "zwei, drei Mal zu dramatisch gesungen". Auch wenn Fischer-Dieskau so selbstkritisch wird, hat das nichts von Vertraulichkeit oder gar gerührtem "Ja, das bin ich auch". Es ist dann eher, als blicke er auf seine Sängerlaufbahn wie auf ein Werk, einen Gegenstand, einen Vorgang in der Welt. Fazit seiner Entwicklung: "Im Allgemeinen geht es auf die Einfachheit hin und weg vom Weinerlichen." Von Gefühlen in der Musik spricht er wenig, an den Liedern der Winterreise bewundert er die "unglaubliche Logik": "Es entsteht in diesen 24 Passionsmomenten eine Einheitlichkeit, die erstaunlich ist."