Erstaunlich einheitlich wirkt auch das Leben dieses Mannes. Seine Kunst stieg kometengleich und stabilisierte sich zum Fixstern, von einer Krise weiß er nichts oder gar von Überdruss am Singen oder Beengung durch den Ruhm. "Es gibt kurze Abschnitte, wo man sich auf einer etwas tieferen Talsohle bewegt", bekennt er immerhin und setzt leise und wie beiseit hinzu: "Wer hat das nicht…" Ärger über Verrisse, das schon, mit Verrissen hat er mal ein Gästeklo tapeziert, "aber ich ärgere mich nie länger als drei Stunden… Man ist ja nicht so wachsam, wie Goethe es war." Der habe Hausverbote gegen Theaterrezensenten verhängt. "Eine Selbstschonungsmaßnahme, deren Grund ich sehe." Goethes Erfolg habe auch Neid und Hass erregt. "Es gab längere Zeiten, wo er wirklich down war."

Man soll sein Leben sternförmig organisieren…

Wenn der Sänger Goethe erwähnt, den weltlichen Heiligen jenes akademischen Bürgertums, in dem Dietrich als Sohn eines Altphilologen und einer Pianistin aufwuchs, tritt eine besondere Wärme in seine Stimme. Es erscheinen da ja auch einige Parallelen. Das Objektivieren des Subjektiven in der Kunst. Die stetige harmonische Selbsterneuerung, begleitet von wechselnden Partnern – darunter eine kurze Ehe mit der Schauspielerin Ruth Leuwerick und seit dreißig Jahren die Verbindung mit der Sopranistin Julia Varady. Enorme Wirkungsmacht, umglänzt von Ehrungen und Preisen. Eine imperiale Vielseitigkeit – Dietrich Fischer-Dieskau verfügt nicht nur über das wohl größte Repertoire, das je ein Sänger hatte. Er dirigiert auch, er malt, er schreibt Bücher, elf sind bislang erschienen.

Darunter sind neben seinen Memoiren Werke über Hugo Wolf, über die Lieder von Schumann und Schubert, über Zelter und Reichardt, Nietzsche und Wagner. "Wahrscheinlich war alles umsonst, das war binnen kurzem verramscht, aber das macht ja nix, mir hat es Spaß gemacht. Da hat man eine Aufgabe, die nicht so leicht zu bewältigen ist wie das, was man von Haus aus kann und früh bewältigt hat." Derzeit arbeitet er an einem Buch über Brahms. "Der ist als Pianist viel mehr gereist, als Musiker das heute tun – und dann noch ohne Plan, das wäre heute nicht denkbar. Ich würde mir eine Tournee immer so legen, dass man von einem Punkt aus sternförmig reist." Vielleicht ist dieses sternförmige Planen ein Grundrezept für Fischer-Dieskau: Die Mitte nicht verlieren.

Vor allem aber das Niveau. Es zu halten, sagt er, sei "Teil der Aufgabe". "Das ist anstrengend. Dafür habe ich Opfer gebracht. Ich habe nicht in dem Sinn gelebt, wie … ein Playboy lebt. Es gab auch welche, die es sich leisten konnten zu leben und sich nicht ruiniert haben. Dazu gehöre ich nicht." Falls da ein Hauch von Wehmut wehen sollte, wischt er ihn weg. "Janá‡ek beispielsweise sagt ja zu allem – deshalb habe ich ihn nie gemocht. Ich sehe das Singen überhaupt als einen erhobenen Zustand an. Wer sich da hinstellt, muss sich in eine andere Sphäre begeben und kann nicht nur er selbst bleiben, sonst werden wir mit dem Gewöhnlichen konfrontiert. Sie merken schon", fügt er, den hohen Ton brechend, an, "dass ich solche Kernsätze dauernd von mir gebe." Noch so ein Kernsatz: "Aufregung trägt nicht dazu bei, dass etwas besser wird."

Doch dann wird er nachdenklich. "Erregung, natürlich. So etwas wie Fieber, das muss sich immer einstellen. Das Fieber kann sogar zur Überlegenheit verhelfen." Er betont das "kann" so sorgfältig wie Loriot. "Da gibt es diesen Witz von Nestroy: Wenn alle Stricke reißen, dann häng ich mich auf. Eine schöne Verrücktheit ist dabei. Aber eine vom Werk begrenzte. Wir dürfen nicht machen, was wir wollen. Wir dürfen Eingebungen haben. Aber nicht gegen das Stück! Nicht gegen das Stück! So weit reicht unsere Kompetenz nicht. Das sehen die meisten nicht mehr ein. Insofern gehöre ich wirklich in eine andere Zeit." Viel gibt es nicht, was ihm heutzutage gefällt, und das Allerschlimmste, noch vor dem Regietheater, ist der Verlust des Legato. Des Verbindens. Bei allen Musikern. "Es gibt kein Legato mehr, das möchte ich behaupten."

Damit meint er, "die Linien rauszuholen, die drinstecken". Darum habe er sich auch bei Schönberg bemüht. Aber heimisch fühlt er sich in der Musik des 20. Jahrhunderts nicht. "Ich hab’s versucht, aber es ist mir nicht so recht gelungen." Mit der Aufgabe der Tonalität sei "seit 1911 der Ansatz zum Ende" da, gefolgt vom "krampfhaften Bemühen, Musik zu machen". Hat er aber nicht viel Kraft und Zeit in Opern von Hans-Werner Henze und Aribert Reimann gesteckt, aus Reimanns Lear eine Gestalt von Überlebensgröße gemacht? "Das war das Anstrengendste. Im großen Ausbruch das größte Fortissimo – meine Stimme ist ja eine schmale Stimme. Und diese psychische Belastung ist ja enorm." Fehlen ihm jetzt, zwölf Jahre nach dem Abschied von der Bühne, solche Strapazen? "Ja", sagt Fischer-Dieskau leise, "’türlich. Richtig."