Dass die Diskussionen über die EU-Verfassung ganz Frankreich in außerordentlichem Maße geprägt hat, zeigt die Wahlbeteiligung: Etwa 66,24 Prozent der Wahlberechtigten hatten bis 19. Uhr ihre Stimme abgegeben. Bei der Volksabstimmung über den EU-Vertrag von Maastricht 1992 waren um 17.00 Uhr 56,45 Prozent zu den Urnen gegangen. Die Beteiligung könnte nach Schätzungen des Ipsos-Instituts 76 bis 80 Prozent erreichen.Der französische Premierminister Jean-Pierre Raffarin wertete die sich abzeichnende hohe Wahlbeteiligung als "Erfolg der Demokratie". "Wir sind das europäische Volk, das über seine Zukunft entscheidet. Die Franzosen tragen Verantwortung und nehmen diese ernst, und das ist an sich schon eine gute Nachricht", sagte Raffarin in seiner westfranzösischen Heimatgemeinde Chasseneuil-du Poitou. Rund 42 Millionen Franzosen sind aufgerufen, über den europäischen Grundsatztext zu entscheiden. Die ersten Hochrechnungen werden kurz nach Schließung der Wahllokale in Lyon und Paris um 22.00 Uhr erwartet. Die letzten Meinungsumfragen wiesen eine Mehrheit von 52 bis 56 Prozent für die Gegner des Vertragswerks aus, doch waren noch immer 20 bis 30 Prozent der Wähler unentschieden. "Es kann eine Überraschung geben", sagte der Direktor des Meinungsforschungsinstituts CSA, Roland Cayrol, der Zeitung Le Parisien . Nach der letzten Fernsehansprache von Staatspräsident Jacques Chirac am Donnerstagabend sei der Vorsprung der Verfassungsgegner wieder geschmolzen. Er und sein konservativer Premier Raffarin haben für die Annahme des Vertrags geworben, ebenso wie der Vorsitzende der oppositionellen Sozialisten (PS), François Hollande. Dagegen formierte sich ein breites Bündnis. Die Kommunisten und der ehemalige sozialistische Premierminister Laurent Fabius kritisierten, die Verfassung ebne einem wirtschaftsliberalen Europa und dem Abbau sozialer Standards den Weg. Auch der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen und rechte Souveränisten wie Philippe de Villiers machten Front gegen die Verfassung. Innenpolitisch wird in Frankreich unabhängig vom Ergebnis des Referendums damit gerechnet, dass Präsident Chirac die Regierung umfassend umbildet. Als Favoriten für die Nachfolge des unpopulären Regierungschefs Raffarin gelten Innenminister Dominique de Villepin und Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie. Die EU-Verfassung kann nur in Kraft treten, wenn sie von allen Mitgliedern der Union angenommen wird. 15 der 25 EU-Staaten lassen ihre Parlamente bestimmen, die anderen wollen ihr Volk befragen – so wie etwa die Niederlande am kommenden Mittwoch, wo das Votum jedoch nur Empfehlungscharakter hat. Der einstige Chef des EU-Reformkonventes, Valéry Giscard d'Estaing, erklärte im Vorfeld, bei einer Ablehnung würden die Franzosen wohl im Herbst 2006 noch einmal über denselben Text abstimmen. Andere sehen die Verfassung bei einem Nein am Sonntag als gescheitert an. Wie Frankreich Staatschef Jacques Chirac drängten Bundeskanzler Gerhard Schröder und Spaniens Regierungschef José Luis Rodriguez Zapatero die Franzosen kurz vor dem Urnengang zur Zustimmung. Der EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der amtierende Ratspräsident und Luxemburger Regierungschef Jean-Claude Juncker wollten am Sonntagabend eine Erklärung abgeben, sobald das Ergebnis feststeht.