Die EU-Verfassung ist mit deutlicher Mehrheit an Frankreich gescheitert. Nach der endgültigen Auszählung stimmten am Sonntag 54,87 Prozent bei dem Referendum am Sonntag gegen den Text. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat das massive Nein der Franzosen zur EU-Verfassung "zur Kenntnis" genommen und Konsequenzen auf Regierungsebene in Aussicht gestellt. In einer kurzen Ansprache sagte Chirac in Paris, er werde seine Entscheidung in den nächsten Tagen bekannt geben. Er versprach einen "neuen und starken Impuls", was die Ablösung des unpopulären Premierministers Jean-Pierre Raffarin in den kommenden Tage bedeutet.Chirac versicherte den Franzosen, das Land werde trotz der Ablehnung der EU-Verfassung seinen Platz in Europa voll und ganz behalten. "Frankreich bleibt in Europa", sagte er. Der Sieg der Verfassungsgegner bringe allerdings ein "schwieriges Umfeld für die Verteidigung unserer Interessen in Europa mit sich", schränkte er ein. Das Votum gilt vor allem als Ohrfeige für Chirac und die konservative Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin. Beide hatten nach langsamem Kampagnenstart in den vergangenen Wochen massiv für ein Ja geworben. Raffarin hatte bei seiner Stimmabgabe im westfranzösischen Chasseneuil-du-Poitou gesagt, die Entscheidungen für alle möglichen Szenarien seien bereits getroffen. Der Chef der französischen Sozialisten, François Hollande, hat Chirac und dessen bürgerlicher Regierung die Schuld für die Ablehnung der EU-Verfassung gegeben. Das Votum sei vor allem ein Nein zur Staatsführung; es zeige das Ausmaß der "tiefen Krise, die unser Land durchlebt", sagte er am Sonntagabend in Paris. Die Franzosen hätten ihrer "Wut und ihrer Erbitterung" über Chiracs Politik Ausdruck verliehen. Hollande, der mit der Mehrheit seiner Sozialisten vergeblich für ein "linkes Ja" zur Verfassung gekämpft hatte, muss jetzt dringend versuchen, die zuletzt tief gespaltene Linke zu einigen.Nicolas Sarkozy, der Vorsitzende der Regierungspartei UMP, verlangt am Sonntagabend eine drastische Politikwende. "Die Franzosen wollen, dass endlich Schluss ist mit unserer Unbeweglichkeit und unserer Zimperlichkeit", sagte er. Es müsse jetzt eine "entscheidende Wende in der Wirtschafts- und Sozialpolitik" geben.Dem Verfassungsprojekt müssen alle 25 EU-Staaten zustimmen. Die Wahlbeteiligung lag mit etwa 70 bis 70,5 Prozent etwas höher als bei dem Referendum über den Vertrag von Maastricht 1992. Alle Umfragen der vergangenen Wochen hatten einen deutlichen Sieg der Verfassungsgegner vorausgesagt. Frankreich hat als 10. von 25 Ländern über die EU-Verfassung entschieden. Die neun übrigen Länder, darunter Deutschland am vergangenen Freitag, haben dem Text zugestimmt. Unklarheit herrscht nun über die Zukunft der Verfassung: Während französische Politiker wie der frühere Präsident Valéry Giscard d'Estaing oder Ex-Kommissionspräsident Jacques Delors eine zweite Abstimmung in Frankreich nicht ausschließen, gehen viele Experten davon aus, dass ein neuer Anlauf für ein solches Vertragswerk wegen der Kräfteverhältnisse im erweiterten Europa nicht möglich ist. "Das Wunder von Maastricht" ist also am Sonntag ausgeblieben – diesem EU-Vertrag hatten die Franzosen im Jahr 1992 schließlich noch ganz knapp zugestimmt. Ihre Angst vor Arbeitslosigkeit, Job-Verlagerung und dem Sozialdumping ist nicht geschrumpft – im Gegenteil. Und niemand kann sagen, im Land sei dabei nicht genügend über Europa diskutiert worden. Die Franzosen haben sich alles angehört, debattiert und dann entschieden: So nicht.