Der französische Staatspräsident Jacques Chirac hat das massive Nein der Franzosen zur EU-Verfassung "zur Kenntnis" genommen und Konsequenzen auf Regierungsebene in Aussicht gestellt. In einer kurzen Ansprache sagte Chirac in Paris, er werde seine Entscheidung in den nächsten Tagen bekannt geben. Er versprach einen "neuen und starken Impuls", was die Ablösung des unpopulären Premierministers Jean-Pierre Raffarin in den kommenden Tage bedeutet.Chirac versicherte den Franzosen, das Land werde trotz der Ablehnung der EU-Verfassung seinen Platz in Europa voll und ganz behalten. "Frankreich bleibt in Europa", sagte er. Der Sieg der Verfassungsgegner bringe allerdings ein "schwieriges Umfeld für die Verteidigung unserer Interessen in Europa mit sich", schränkte er ein.Nach monatelangen und leidenschaftlich geführten Debatten für und gegen das EU-Vertragswerk stürzt damit ausgerechnet ein Gründer- und Kernland der europäischen Aufbauarbeit die EU in eine Krise und lässt sich damit in die Ecke der Nein-Sager abdrängen. Dem Land blüht nun innenpolitisch eine turbulente Zeit mit einem unsicheren Ausgang.Der Chef der französischen Sozialisten, François Hollande, hat Chirac und dessen bürgerlicher Regierung die Schuld für die Ablehnung der EU-Verfassung gegeben. Das Votum sei vor allem ein Nein zur Staatsführung; es zeige das Ausmaß der "tiefen Krise, die unser Land durchlebt", sagte er am Sonntagabend in Paris. Die Franzosen hätten ihrer "Wut und ihrer Erbitterung" über Chiracs Politik Ausdruck verliehen. Hollande, der mit der Mehrheit seiner Sozialisten vergeblich für ein "linkes Ja" zur Verfassung gekämpft hatte, muss jetzt dringend versuchen, die zuletzt tief gespaltene Linke zu einigen.Nicolas Sarkozy, der Vorsitzende der Regierungspartei UMP, verlangt am Sonntagabend eine drastische Politikwende. "Die Franzosen wollen, dass endlich Schluss ist mit unserer Unbeweglichkeit und unserer Zimperlichkeit", sagte er. Es müsse jetzt eine "entscheidende Wende in der Wirtschafts- und Sozialpolitik" geben."Das Wunder von Maastricht" ist also am Sonntag ausgeblieben – diesem EU-Vertrag hatten die Franzosen im Jahr 1992 schließlich noch ganz knapp zugestimmt. Ihre Angst vor Arbeitslosigkeit, Job-Verlagerung und dem Sozialdumping ist nicht geschrumpft – im Gegenteil. Und niemand kann sagen, im Land sei dabei nicht genügend über Europa diskutiert worden. Die Franzosen haben sich alles angehört, debattiert und dann entschieden: So nicht.