Wer hat da eigentlich Non gesagt in Frankreich – und warum? Die Rechtsextremen lehnten den europäischen Verfassungsvertrag ab, weil ihnen das alles sowieso viel zu viel "Europa" bedeutet. Ihre Wortführer Jean-Marie Le Pen und Philippe de Villiers malen genüsslich den "Untergang Frankreichs" an die Wand, sollte die Integration weiter verfolgt werden. Und den linken Non -Sagern ist das alles nicht genug, nicht ausreichend sozial, gerecht, solidarisch. Das alles gilt für die politischen Vorsänger und Einpauker. Aber gilt es auch für die Wähler? Aus ihren Mündern war ein Wutschrei zu hören über den unpopulären Präsidenten Jacques Chirac und manch anderen aus der "classe politique", der politischen Elite des Landes. Aber eben auch ein Notschrei, über Rekordarbeitslosigkeit, Umbau des Sozialstaates, Folgen der EU-Erweiterung. Welchen Reim sollen sich nun Europas Regierungschefs auf dieses "masochistische Meisterwerk" machen, wie die linksliberale Pariser Zeitung Libération das Nein deutete? Wer sich nach Le Pen und Konsorten richtet, muss nur noch die Selbstauflösung der Europäischen Union verkünden. Undenkbar. Wer mit den proeuropäischen Neinsagern den als "ultraliberal" verschrieenen Verfassungsvertrag neu verhandelt, was diese im Wahlkampf als die einfachste und schnellste Lösung anpriesen, der wird sich rasch wundern: Warum sollen Spanier, Österreicher, Ungarn oder Italiener eigentlich ihr eigenes, klares Ja zur Disposition stellen, nur weil Frankreich soeben Nein sagte? Eine schnelle Lösung wäre dies auf keinen Fall. Der abgelehnte Verfassungsvertrag benötigte von der Idee bis zur Verwirklichung immerhin fast drei Jahre. Die "Nonisten", wie sie in Frankreich gern genannt werden, bekämen es zudem mit Briten und Iren, Tschechen und Polen zu tun, denen der jetzige Text viel zu sozial, viel zu wenig liberal daherkommt. Die französischen Unterhändler müssten sich schon in der ersten Sitzung die kritische Frage gefallen lassen, was sie da eigentlich als Sozialmodell anzubieten hätten: Gut zehn Prozent Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen; magere Wachstumsraten; überforderte Gesundheits- und Rentensysteme; eine defizitäre Sozialversicherung. Und wenig Lust auf mehr Markt, dafür eine angstgetriebene Liebe zur Staatshilfe – wo doch ihre eigener Staat, wie so viele in Europa, jeden Saft vermissen lässt. Wahrlich, kein Werbeangebot für Frankreichs Partner und Nachbarn.Was nun also, Europa? Die Schwere der Krise leugnet seit Sonntagnacht niemand, nicht in London, nicht in Warschau, nicht in Berlin oder Paris. Das ist immerhin der erste Lichtblick, denn in der Vergangenheit brillierten Europas Politiker schon mal gerne mit einem Feuerwerk, das alle Schwächen überglänzen und übertönen sollte. Der Ratifikationsprozess muss weitergehen: Sieht man von den zögerlichen Briten ab, erklären das jetzt alle. Das Verfahren bietet schließlich gleich zwei Vorteile in düsterer Lage. Zum einen wird ein französisches Veto unterlaufen – nur weil der eine Nein sagt, müssen alle anderen Völker der Union noch lange nicht stillschweigen. Zum anderen erarbeitet sich die EU so eine Denkpause bis zum letzten Votum, vermutlich der Briten im Sommer nächsten Jahres.Bis dahin freilich ist auch jemand gefragt, den man derzeit allerorten schmerzlichst vermisst: ein europäischer Leader, ein produktiver Vordenker und Vormacher, ein Aufmunterer und Antreiber. Der derzeitige Ratspräsident Jean-Claude Juncker hat solche Qualitäten, aber er weiß auch, dass selbst das Großherzogtum Luxemburg für eine solche Herkulesarbeit zu klein ist. Und in Berlin regiert jemand auf Abruf, in Frankreich liegt "Europas Dinosaurier" ( Newsweek ) ermattet am Boden, in Britannien warten alle auf Tony Blairs angekündigten Abgang, in Italien ist Silvio Berlusconi in Not, in Polen harren Präsident und Regierung in der Abendröte ihres Mandats auf ihre Nachfolger. Und in Brüssel wagt niemand mehr den Namen des EU-Kommissionspräsidenten zu nennen, wer will sich schon gerne blamieren. Hoffnung macht da allein der FC Liverpool. Von ihm lernen, heißt siegen lernen, in aussichtloser Position und mit dem letzten Schuss. Und unter unbeschreiblichem Jubel. Vielleicht sollten die EU-Politiker dort ihr Trainingslager aufschlagen.