Die Tribüne für die Redner und Musikbands, die auf der Place de la Bastille ihren Sieg feierten, war längst aufgebaut, bevor um 22 Uhr die Ergebnisse der Volksabstimmung kamen. Auch in den Parteizentralen der Nationalkonservativen, der Kommunisten oder der Rechtsextremen herrschte bereits vor Schließung der letzten Wahllokale große Feststimmung. Selten waren sich die politischen Extremisten in Frankreich ihres Triumphes so sicher wie in der Schlussphase ihrer Kampagne gegen das europäische Verfassungsreferendum. Einen derartigen Durchbruch gegen die gesamte politische Führung, gegen die großen Parteien und auch gegen sämtliche Zeitungen und Sendeanstalten hat noch keine Protestbewegung erlebt.Mit 54,87 Prozent Neinstimmen zur neuen EU-Verfassung haben die Franzosen ein Bündel von Ohrfeigen verteilt, unter denen sich die Adressaten jetzt hilflos hinwegducken wollen. Bei allen Motiven steht klar das Misstrauensvotum gegen Präsident Chirac und seinen Premierminister Raffarin im Zentrum. Denn fast sechzig Prozent aller Non -Stimmen, so die Umfragen, protestierten gegen die soziale und wirtschaftliche Krise im Land, während die Ablehnung der als liberal gescholtenen Verfassung gerade vierzig Prozent der Neinsager umtrieb. Ebenfalls ein Indiz für die innenpolitischen Gründe der Ablehnung waren die wochenlangen Versuche von Verfassungsbefürwortern, dem Präsidenten für das knappe Gelingen der Abstimmung ein großes persönliches Opfer abzuverlangen. Er solle die Franzosen um Zustimmung bitten und als Dank für die Erfüllung seines politischen Lebenszieles den Rücktritt anbieten. Das war von Chirac aber nicht zu verlangen, und jetzt steht er vor dem größten Scherbenhaufen seiner vierzigjährigen politischen Laufbahn. Dass er unverzüglich seinen gedemütigten Premier entlassen und eine neue Regierung – wohl unter seinem Zögling de Villepin – berufen will, nützt ihm nichts. Im Gegenteil. Alle seine Unterstützer – von der sozialistischen Opposition bis zu seiner eigenen Partei UMP – sehen darin nichts als ein Kneifen vor der Verantwortung, die der Staatschef mit seiner miserablen Regierungsbilanz und der vollends katastrophalen Referendumskampagne tragen müsste. Das kreidebleiche Gesicht von PS-Parteichef Francois Hollande, die bemüht angriffslustige Kampfansage von UMP-Chef Nikolas Sarkozy, der Schock unter den vielen elder statesmen sowie stateswomen, die allesamt für den Verfassungsvertrag gekämpft hatten – diese Reaktionen zeigen, dass sie den Staatspräsidenten zur Rechenschaft ziehen wollen. Er habe völlig losgelöst von der Wirklichkeit mit der Zustimmung seines Volkes gerechnet, heißt es, weil er deren Groll über die politische Stagnation nicht erkannt habe. Derweil geht in Frankreich die Frage um, welche Lehren die künftige politische Führung aus dem Non ziehen soll. Denn das Votum ist vollkommen unlesbar: Da sind die rechtsextremen Nationalisten, die lieber heute als morgen aus der EU austreten und mit fremdenfeindlichen Parolen ihr Land gegen alle Zuwanderung abschotten wollen. Das sind die Frankreich-treuen Verteidiger der nationalen Souveränität, die den Brüsseler Einfluss reduzieren wollen. Und da sind die linken Etatisten, die einen europäischen Protektionismus fordern, um die liberale Marktöffnung zu stoppen. Wie ein nach innen geschwächter und nach außen unglaubwürdig gewordener Chirac dieses divergenten Motive beim nächsten EU-Gipfel zusammenfassen soll, weiß indes niemand. Bei dem politischen Erdbeben vom Sonntag hat ein Volk seine Führung abgestraft. Dass dies über die europäische Frage geschehen ist, macht das Votum zur Schicksalsfrage für Frankreichs Rolle in der EU. Über die Konsequenzen für ihr Land, das seine jahrzehntelange Führungsposition in Europa verliert, werden sich die Franzosen erst allmählich bewusst. Sie haben in ihrer eigenen Geschichte schon viele Verfassungen kommen und gehen sehen, aber die Absage an die EU-Konstitution wird in erster Linie das französische System umwälzen. Ein Präsident, der nicht mehr kann, und ein Volk, das nicht mehr will – der Ruf nach einer VI. Republik, der Übergang von der ausgelaugten Präsidialdiktatur zu einer parlamentarischen Demokratie, wird seit Sonntag nicht mehr verstummen.