Der Abschied wird ihm schwer fallen. Seit 43 Jahren macht Florian Otto den Job, die Aufgabe ließ ihm keine Zeit, alt zu werden. Aber sich noch mal für sechs Jahre verpflichten? Ich weiß nicht, ob ich das durchhalte, sagt der Rentner. Er ist ja schon 81 Jahre alt - und seit 1962 ehrenamtlicher Versichertenberater. Bei den Sozialwahlen 2005 kandidiert er nicht mehr.

Arnim Klein ist erst 36 Jahre alt. Wie es Otto bislang tat, möchte er künftig Versicherten beim Klären ihrer Ansprüche und beim Ausfüllen des seitenlangen Rentenantrags helfen. Auf der politischen Ebene läuft jetzt einiges, was nicht okay ist, sagt er. Er jedenfalls würde jedem Rentner empfehlen, gegen den neuen Abschlag für die Pflegekasse und das Krankengeld Widerspruch einzulegen. Aber: Noch bin ich nicht gewählt.

Kandidatur? Wahl? Muss man nicht froh sein, wenn sich überhaupt Leute finden, die freiwillig und - bis auf eine kleine Aufwandsentschädigung - unbezahlt anderen helfen, sich im Bürokratiedschungel des Sozialsystems zurechtzufinden? Bei den Wahlen, die am 1. Juni enden, ist manches anders als gewohnt.

30 Millionen Rentner und Beitragszahler hat die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA) zur Stimmabgabe aufgefordert - zusätzlich wählen 16 Millionen Mitglieder von acht gesetzlichen Krankenkassen. Zur Wahl stehen nicht einzelne Kandidaten, sondern die Listen verschiedener Gewerkschaften und unabhängiger Versichertengruppen. Bei der BfA werden so 30 Delegierte der Arbeitnehmer bestimmt, die neben den Abgesandten der Arbeitgeber in der Vertreterversammlung sitzen. Das ist eine Art Aufsichtsrat, der den Vorstand kontrollieren soll. Denn die Beiträge zahlen Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam. Sie sind - ähnlich einer Genossenschaft - quasi die Eigentümer der eingezahlten Summen, auch wenn über deren Höhe und Verwendung letztlich die Politik bestimmt.

Die Vertreterversammlung wiederum wählt die 2600 Versichertenberater, die landauf, landab beim Ausfüllen der Rentenanträge helfen - und damit eine durchaus ehrenwerte Arbeit tun. Allerdings: Mit einer Abstimmung, wie man sie aus dem Parlament kennt, hat ihre Wahl wenig zu tun. Je nach der Anzahl ihrer Sitze benennt jede Fraktion eine vorgegebene Zahl von Freiwilligen, die dann en bloc gewählt, also im (Ehren-)Amt bestätigt werden. Sie werden von den Organisationen vorgeschlagen und erhalten dann offiziell ihr Mandat, sagt René Braun, der das Wahlbüro bei der BfA leitet. Das ist keine Wahl im Sinne von Auswahl. Zwei Wochen lang schult die BfA anschließend die Versichertenberater, damit sie in ihren Sprechstunden alle Fragen korrekt beantworten können.

Das ist für mich eine soziale Aufgabe, sagt der 81-jährige Florian Otto.

Ich bin ein komischer Kauz, ich helfe gern anderen Leuten. Die BfA selbst betreibt, gemeinsam mit den Landesversicherungsanstalten, bundesweit nur 60 ständig besetzte Beratungsstellen. Die 2600 Freiwilligen sorgen da für ein engmaschigeres Netz. Viele glauben, dass die BfA-Mitarbeiter nur die Interessen der Versicherung vertreten, sagt Otto. In seine Beratung setzten sie deshalb mehr Vertrauen. 90 Prozent der Ratsuchenden kommen aufgrund einer Empfehlung zu ihm, die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert. Als Versichertenberater kann er sich viel Zeit nehmen für die manchmal gebrechlichen Antragsteller, die BfA-Angestellten hingegen haben - unter entsprechendem Zeitdruck - ein vorgegebenes Soll an Terminen zu erfüllen.