Nach der Ratifizierung der EU-Verfassung in Deutschland durch den Bundesrat gestern stimmt an diesem Sonntag das französische Volk über das Vertragswerk ab. Die letzten Umfragen sehen die Reformgegner mit 55 zu 45 Prozent vorn, was die französische Regierung in tiefste Sorge stürzt. Im Übrigen bilden die Unentschlossenen zwischen 20 und 30 Prozent der Wähler.Mit Unterstützung von Bundeskanzler Gerhard Schröder in Toulouse versuchten die Befürworter am Freitag, diese Tendenz in einem letzten Kraftakt noch umzukehren. Auch Spaniens Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero eilte am Freitag in Lille PS-Chef François Hollande zur Hilfe. Am Vorabend hatte Präsident Jacques Chirac im Fernsehen an die Franzosen appelliert, ihrer "historischen Verantwortung" für den Aufbau Europas gerecht zu werden. Ein Nein würde in Europa "eine Zeit der Spaltungen, Zweifel, Unsicherheiten" einleiten.Angesichts des sich abzeichnenden Scheiterns der Verfassung beim Referendum mehren sich die Rufe nach einer Wiederholung der Abstimmung. "Es gibt keine andere Lösung", sagte der Verfasser des EU-Vertrags, Altpräsident Valéry Giscard d'Estaing. Im Oktober 2006 hätten alle 25 EU-Staaten den Ratifizierungsprozess beendet. Danach sollten alle Staaten, die mit Nein votiert hätten, erneut zur Abstimmung gerufen werden. Der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen erwartet keine Krise in Europa, sollten die Franzosen am Sonntag in ihrer Volksabstimmung die Verfassung der Europäischen Union ablehnen. Auch bei einem Scheitern des Referendums müsse die EU nicht in anderen Bereichen außer Tritt geraten, sagte er der Neuen Presse aus Hannover (Samstagausgabe). Es könne sogar das Gegenteil der Fall sein. "Die Hauptakteure werden demonstrieren wollen, dass die EU weiter funktioniert." Der Vorsitzende der Sozialdemokraten im Europa-Parlament, Martin Schulz, sagte im NDR, sollte Frankreich mit "Nein" stimmen, sei dies zwar ein Rückschlag, aber nicht das Ende des Verfassungsprozesses. Schließlich sei vereinbart, dass es ein Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs gebe, wenn vier Fünftel der Staaten die Verfassung ratifiziert hätten, um über das weitere Vorgehen zu beraten. "Wenn 20 der 25 Staaten ‚Ja’ gesagt haben, dann wird es eine Konferenz geben, bei der man entscheidet, was los ist." Er könne sich gut vorstellen, wenn "sagen wir mal, es steht dann 22 zu drei, dass man vielleicht noch mal zu den Urnen schreitet".Die französische Referendumskampagne drehte sich vor allem um die Frage, ob die Verfassung mit der Betonung des freien Marktes den Sozialstaat gefährdet. Den Skeptikern spielte dabei die Unzufriedenheit über Premierminister Jean-Pierre Raffarin und seine Sozialreformen in die Arme. Umfragen zufolge bewerten die Nein-Sager die Verfassung als "zu liberal" und setzen auf Nachbesserungen. Doch 16 Prozent sehen im Referendum auch eine Gelegenheit, die Regierung abzustrafen.Chirac ging in seiner Ansprache am Donnerstagabend auf die Unzufriedenheit ein und versprach, der Politik einen "neuen Impuls" für "mehr Solidarität und Dynamik" zu geben. Die Ablösung des glücklosen Premierministers Jean- Pierre Raffarin nach der Volksabstimmung gilt als sicher. In der Sozialistischen Partei wird nach der Volksabstimmung eine Entscheidung des über das Referendum ausgebrochenen Machtkampfes zwischen PS-Chef François Hollande und seinem Stellvertreter Laurent Fabius erwartet.Die Verfassung muss von allen 25 EU-Staaten ratifiziert werden, um in Kraft zu treten. Sie soll die Entscheidungsverfahren der EU vereinfachen, nationale Vetos einschränken und der EU international mehr Profil geben. Mehrere Staats- und Regierungschefs haben vor einer drohenden Handlungsunfähigkeit der EU und einer Krise der Wirtschaftsgemeinschaft im Falle einer Ablehnung gewarnt. Kritiker sagen dagegen, der Vertrag sei schwer verständlich, zu marktorientiert und schütze Arbeitsplätze nicht ausreichend. Zudem werde Frankreichs Rolle in der EU geschwächt und zugleich der Weg für einen EU-Beitritt der Türkei bereitet. Mit der Zustimmung des Bundesrates zur EU-Verfassung hat Deutschland am Freitag die Ratifizierung der Verfassung abgeschlossen.