Es wird der Tag kommen, an dem nur noch zwei Schlachten zu schlagen sind: um die Öffnung der Märkte für den Handel und die Öffnung der Köpfe für neue Ideen." 150 Jahre nach Victor Hugos Appell zur Gründung der "Vereinigten Staaten von Europa" ist von dieser Emphase wenig geblieben. Was seine geistigen Nachfahren über den neuen europäischen Verfassungsvertrag zu sagen haben, ist nicht viel Gutes. Frankreich, das Geburtsland der europäischen Idee und des engagierten Intellektuellen, erlebt im Kampf um die Volksabstimmung am 29. Mai eine Protestbewegung, deren Anführer bereits von einem neuen Mai 68 sprechen. Die Bevölkerung ist mobilisiert, die Regierung agitiert, die politischen Experten sind im Dauereinsatz, nur eines fehlt: Im Jahr des 100. Geburtstags von Jean-Paul Sartre und Raymond Aron (und auch der Sozialistischen Partei) gibt es nur wenige Intellektuelle, die sich für die europäische Verfassungsprozedur öffentlich einsetzen.

Man muss nicht so weit gehen wie der Philosoph und Herausgeber der Zeitschrift Le Banquet Nicolas Tenzer, der die Intellektuellen pauschal der Lüge, Oberflächlichkeit und Politikferne zieh. Er sprach von ihrer Pflicht, Vorgeschichte und Nutzen des Vertrages zu erklären und seine Leistungsfähigkeit im Zeitalter globalisierter Abhängigkeiten zu prüfen. Doch stattdessen hat sich ein Großteil der französischen Geisteselite in einen Glaubensstreit über Himmel und Hölle verstiegen, der sich einzig um den konstruierten Antagonismus des Sozialen und Liberalen in der Verfassung dreht.

Sicher: Es gab namhafte Fürsprecher wie Jorge Semprun, Philippe Sollers oder Alfred Grosser, und die Kultur-Linke um den ehemaligen Minister Jack Lang müht sich wacker für die europäische Sache. Unterstützt wurden sie von Nothelfern aus Deutschland, von Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk, auch durch einen Aufruf des Publizisten Klaus Harpprecht, der mit Grass und Biermann um Gnade für den "ehrlichen Vertragskompromiss" bat.

Auf den Bestsellerlisten steht ein Dutzend aktueller Europa-Bücher, doch sind es meist von Politologen und Berufspolitikern verfasste Bedienungsanleitungen zur Verfassungslektüre. Von den Historikern und Philosophen, die einst "Europa bauen" (Jacques Le Goff), "Europa denken" (Edgar Morin) oder wie Rémi Brague, Michel Foucher und Etienne Balibar nach einer neuen Identität des Kontinents suchen wollten, ist dagegen kaum etwas zu hören.

Das Unfrohe der europhilen Intelligenz, die meist nur die Schäden im Falle eines französischen Ausstiegs ausmalt, hat indes tiefere Gründe. Dazu gehört ihre traditionelle Minderheitenposition im Lager der politisch engagierten Denker. Deren legendäre Wortführer von Jean-Paul Sartre bis Pierre Bourdieu fühlten sich einem Werteuniversalismus verpflichtet, dessen Emanzipations- und Gerechtigkeitsenergien nicht nur über den kleineuropäischen Rahmen hinausschossen, sondern ihn umgekehrt unter Generalverdacht stellten. Sartre war ein fanatischer Antieuropäer, der in seinem Kampf gegen den Kolonialismus sogar – wie im Vorwort zu Frantz Fanons Hassschrift Die Verdammten dieser Erde – die Schwarzen zur mörderischen Revanche an den Europäern aufrief. Und der Soziologe Pierre Bourdieu, der Europa anfangs noch als Schritt zu einer "höheren Universalisierung" gepriesen hatte, ging später dagegen auf die Barrikaden. Als die Regierung 1995 die Sparauflagen des Maastricht-Vertrages umsetzen wollte, forderte er die Eisenbahnarbeiter an der Gare de Lyon in einer berühmten Rede zum "Kampf gegen Liberalismus und Barbarei" auf.

Baudrillard betrachtet die EU als totalitäre Zwangsveranstaltung

Bourdieus Plädoyer für eine Art europäische états généraux, Generalstände der sozialen Bewegungen, hat inzwischen in der Attac-Bewegung ein schlagkräftiges Zentrum der Europa-Kritik gefunden. Der universalistische Blick über den Kontinent hinaus hat aber auch eine andere große Tradition, welche europäische Emphase nicht eben begünstigt: die Ethnologie und Anthropologie und deren Kritik am Eurozentrismus. Noch heute gilt der ethnologisch geschulte "fremde Blick" als vornehmste Perspektive, auch auf das eigene Land, in dem jedes Jahr eine Vielzahl glänzender Selbstbeschreibungen erscheint, mit denen die Franzosen sich den Puls fühlen. Und dieser, wie die Debatte über den déclin français, den Niedergang, zeigt, schlägt derzeit schwach.