Was bedeutet es, wenn Notenbanker vor Blasen an den Finanzmärkten warnen und selbst ein Mann des Kapitalmarkts wie Rolf Breuer jetzt Schutzwälle gegen Spekulanten fordert? Es herrscht Götterdämmerung. Das Ideal der vergangenen Jahrzehnte – freie, unregulierte Kapitalmärkte – verliert zunehmend an Glanz.

Immer ungenierter sprechen Notenbanker heute von Übertreibungen an den Finanzmärkten. Die geplatzten Träume der New Economy haben dem Glauben an die uneingeschränkte Überlegenheit der Märkte zugesetzt. Entweder sind sie effizient und funktionieren umso besser, je freier sie sind. Dann kann es keine spekulativen Übertreibungen geben. Oder es gibt Blasen, dann liegt das Heil nicht in der bislang betriebenen Politik der Deregulierung (siehe auch Seite 38).

Deutschlands "Mister Finanzplatz", Rolf Breuer, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank und Deutschen Börse, fordert nun Barrieren gegen jene kurzfristig agierenden Investoren, die ihn aus dem Amt drängen wollen. Gerade Breuer, der immer der Kurzfristigkeit gehuldigt hat, preist die Langfristigkeit. Gleichzeitig versetzen die unregulierten und intransparenten Hedge Fonds die Weltfinanzmärkte in Angst und Schrecken, weil Gerüchte um massive Schieflagen die Runde machen. Die Hedge Fonds sollen sich mit Kreditrisiken verspekuliert haben und drohen zu einer Gefahr für die Stabilität des gesamten Systems zu werden. Die Risiken, die früher bei den regulierten Banken lagen, sind zu den Hedge Fonds gewandert. Und selbst der für seine stramme Ideologie in Sachen freie Kapitalmärkte bekannte Internationale Währungsfonds beginnt differenzierter zu argumentieren.

Die Realität will einfach nicht zur Theorie passen.

Nach Jahrzehnten konsequenter Deregulierung fehlen die Belege, dass freie Finanzmärkte grundsätzlich zu höherem Wachstum und mehr Wohlstand führen. Einerseits sind Entwicklungsländer, die – im Sinne der neoliberalen Theorie – zum Teil alles richtig gemacht haben, dennoch in schwerste Währungskrisen geschlittert, wie Mexiko 1995. Andererseits boomen Indien und China. Die beiden Länder haben sich nie um die rasche Liberalisierung ihrer Finanzmärkte geschert, geben ihre Wechselkurse nicht frei und sorgen mit Kapitalverkehrskontrollen dafür, dass Kapital weder rasch ins Land kommen noch fliehen kann. Sie machen also alles falsch und wachsen dennoch enorm. Ihr Erfolg zählt längst zu den Wirtschaftswundern des neuen Jahrtausends.

Aber auch auf den westlichen Kapitalmärkten gerät die reine Lehre inzwischen in Beweisnot. Zum einen ist in der Übertreibung der New Economy viel Kapital erst fehlgeleitet und dann verbrannt worden. Zum anderen belegen immer mehr Studien, dass Familienunternehmen an der Börse langfristig viel besser abschneiden als Unternehmen ohne Großaktionär, in denen "der Markt" die Kontrolle über das Management ausüben soll. Er kann es nicht (siehe auch Seite 45).

Auch die Hedge Fonds erfüllen nicht die Funktion, die ihnen lange Zeit unterstellt wurde. Sie würden für Hygiene sorgen, hieß es, und sie seien der Garant dafür, dass Fehlbewertungen an den Märkten korrigiert würden. Alles falsch, wie sich jetzt herausstellt. In einer der ersten Untersuchungen zur Positionierung großer Hedge Fonds während der Technologieblase Ende der neunziger Jahre zeigen Markus K. Brunnermeier (Princeton) und Stefan Nagel (Stanford) das Gegenteil: Die Hedge Fonds haben die Blase mit aufgepumpt – und sie hatten die überteuerten Technologiewerte sogar übergewichtet.

Der alte Händlerspruch The trend is your friend gilt überall am Finanzmarkt. Die Preise stehen häufig nicht in Einklang mit den Fundamentaldaten aus der Realwirtschaft. Wertpapiere werden in der Regel gekauft, weil die Käufer glauben, sie teurer weiterverkaufen zu können, und nicht, weil die Investoren von dem Unternehmen überzeugt sind. Das ist nicht verwerflich. Aber es kann dazu führen, dass kurzfristige Gewinnmöglichkeiten die Oberhand über langfristige Überlegungen gewinnen – und die Firmen zu wenig in Innovation investieren. In der Vergangenheit ist das Marktergebnis viel zu oft als absolut betrachtet worden.