Seit zwei Jahren schüttet auch Microsoft eine Dividende aus. Bis dahin hatte der Softwarekonzern, der 1986 an die Börse ging, 17 Jahre nicht einen Cent seiner hohen Gewinne an die Aktionäre zurückgegeben. Stattdessen propagierte Microsoft-Großaktionär Bill Gates die Geschichte eines stetigen, rapiden Wachstums. Es sei besser, das Geld im Unternehmen zu lassen und zu investieren, lautete sein Credo. Es wurde der Glaubensgrundsatz einer ganzen Generation von Managern und Anlegern, der die neunziger Jahre bestimmte. Doch genau wie die Blase der New Economy platzte, hat sich auch die Sicht auf die Dividende gewandelt. Sie ist wieder in.

Dabei handelt es sich lediglich um eine Rückbesinnung auf alte, substanzorientierte Kennziffern zur Aktienauswahl: Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Verhältnis vom Kurs zum in der Bilanz ausgewiesenen Wert eines Unternehmens. Diese Rückbesinnung ist sinnvoll. "Denn langfristig schlägt Substanz Wachstum", weiß Thomas Kieselstein, Leiter des Portfolio Managements Aktien von Union PanAgora Asset Management. "Substanzwerte erzielen langfristig nicht nur höhere Wertzuwächse als der Gesamtmarkt, sie weisen darüber hinaus auch ein niedrigeres Risiko auf."

Etliche Untersuchungen des amerikanischen Aktienmarkts zeigen, dass auf Sicht von Jahrzehnten eine Auswahl von preiswerten Aktien den Markt geschlagen hat, wie Finanzexperte Peter L. Bernstein schreibt. Als preiswerte Papiere galten dabei solche, die in Relation zu Gewinn, Dividende und Reserven eines Unternehmens zu einem niedrigen Preis verkauft werden. Auch der amerikanische Nobelpreisträger William Sharpe hat in seinen Untersuchungen herausgefunden, dass Value (Substanz) am Aktienmarkt langfristig Growth (Wachstum) schlägt.

Dies gilt auch für den europäischen Aktienmarkt. Kieselstein hat rund 900 europäische Aktien nach Kriterien wie Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis und Kurs-Buchwert untersucht. Sein Ergebnis: "Prinzipiell funktioniert Value, ein besonders hoher Wertzuwachs ergab sich aber in den letzten vier bis fünf Jahren." Dabei erwiesen sich sowohl die Dividendenrendite wie auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis als besonders brauchbare Auswahlkriterien.

Das gute Abschneiden der Substanzwerte seit dem Frühjahr 2000 ist vor allem eine Reaktion auf Lug und Trug an den Kapitalmärkten. Etliche Wachstumswerte, vor allem die Börsenneulinge, haben ihre Versprechen nicht gehalten. Dafür wurden Bilanzen geschönt und gefälscht. Kein Wunder also, dass statt windiger Prognosen inzwischen wieder Messbares wie die gezahlte Dividende in den Vordergrund rückt.

Selbst mit den Zinsen von Staatsanleihen können die Dividendenrenditen etlicher Aktien inzwischen mithalten. Trotzdem heißt es auch bei diesem Kriterium aufpassen. Gerade die Aktien mit den höchsten Dividendenrenditen zu kaufen kann gefährlich sein. Zum einen ist die Dividendenrendite ein Vergangenheitsmaß. Zurzeit schütten die Unternehmen die Dividende für das Geschäftsjahr 2004 aus. Die Kurse dagegen versuchen die Zukunft widerzuspiegeln. Sieht diese düster aus, liegt der Kurs niedrig und die Dividendenrendite entsprechend hoch. Zum anderen behalten manche Unternehmen mit massiven Problemen die Höhe der Ausschüttung zunächst bei, um ihre Aktionäre nicht zu verunsichern. Wichtig bei der Dividende sei die Nachhaltigkeit, erklärt Klaus Schlote, Aktienstratege beim Brokerhaus Solventis. Deshalb achtet er in seinen Analysen unter anderem auf die Ausschüttungsquote, also darauf, wie viel vom Gewinn überhaupt als Dividende ausgeschüttet wird.

Unternehmen, die ein Gutteil ihres Gewinns an die Aktionäre weitergeben, haben eine höhere Kapitaldisziplin. Peter Lynch, in den achtziger Jahre der erfolgreichste Fondsmanager der Welt, erläutert plastisch: "Ein starkes Argument zugunsten Dividenden zahlender Unternehmen ist, dass diejenigen, die keine Dividenden zahlen, ihr Geld in schöner Regelmäßigkeit mit einer Serie von dummen Ver-Diversifizierungen aus dem Fenster schmeißen. Ich habe das so oft erlebt, dass ich beginne, an die von Hugh Liedtke propagierte Harnblasen-Theorie zu glauben: Je mehr Bargeld ein Unternehmen ansammelt, desto größer wird der Druck, es herauszupissen."

Darüber hinaus schwanken die Aktienkurse dividendenstarker Value-Titel weniger als die von Werten, die überhaupt nichts oder nur einen geringen Teil des Gewinns ausschütten. Besonders bei Crashs an den Märkten wirkt eine hohe Dividende stabilisierend. Wenngleich auch dividendenstarke Papiere in solchen Situationen vor Kursverlusten nicht gefeit sind, so fallen die Einbrüche doch geringer aus als die der "Hot Stocks".