Der in der Branche übliche Optimismus geht Stephen Roach ab. Unermüdlich warnt der Chefvolkswirt des Investmenthauses Morgan Stanley vor den Gefahren einer "Blasenwirtschaft". Nur die steigenden Immobilienpreise hielten den Konsum in den USA noch am Leben, argumentiert er, denn die Leute fühlten sich dadurch reicher. Sollte diese Hauspreisblase platzen, würden sie aber feststellen, dass sie ärmer sind, als sie dachten. Sie werden dann ihren Konsum einschränken und die USA in die Rezession stürzen. Roachs Warnung liegt nahe. Der Traum ständig steigender Hauspreise könnte bald ausgeträumt sein.

Auf spekulative Blasen folgt in der Regel ein Crash. Manchmal verursacht dieser eine Wirtschaftskrise, für die später mit schöner Regelmäßigkeit die Spekulanten verantwortlich gemacht werden. Aber der Zusammenhang von geplatzten Blasen und Wirtschaftskrisen ist nicht eindeutig. "Rezessionen infolge kollabierender Vermögenspreise sind nicht unbedingt kostspieliger als normale Rezessionen", sagt Roger Ferguson, Vizepräsident der US-Notenbank Federal Reserve. Gemessen an Wirtschaftsleistung oder Investitionen, seien solche Rezessionen zumeist weder schwerer, noch dauerten sie länger.

Die Historie bietet Beispiele: Das Goldene Zeitalter der niederländischen Wirtschaft wurde durch das Ende der Tulpenmanie der 1630er Jahre kaum berührt. "Auch die Südsee-Blase scheint die Realwirtschaft nicht belastet zu haben", sagt Peter Temin, US-Professor für Wirtschaftsgeschichte. In jüngerer Vergangenheit lief es ähnlich. In England brachen 1973/74 die Aktien auf ein Drittel und die Preise für Gewerbeimmobilien auf die Hälfte ein. Privatimmobilien verloren gut ein Viertel ihres Werts. Es war einer der schwersten Crashs in einem Industrieland überhaupt. "Dennoch war die darauf folgende Rezession offenbar nicht stärker als andere Rezessionen im Schnitt", sagt der Notenbanker Ferguson. Auch die amerikanische Wirtschaft erlebte während des Aktiencrashs der Jahre 2000 bis 2002 nur eine schwache Rezession. Das spricht für eine gelassenere Haltung gegenüber Blasen.

Dennoch herrscht ein großes Unbehagen. Schuld daran tragen zwei Großereignisse: die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre und die japanische Stagnation in den Neunzigern, denen gigantische Spekulationen vorausgegangen waren. In beiden Fällen war der gleiche Mechanismus am Werk, der in der Blasenökonomie den Konsum antreibt: der Vermögenseffekt. Sinken die Vermögenspreise, konsumieren die Menschen weniger, vor allem, wenn sie sich für den Kauf von Aktien oder einem Haus verschuldet hatten. Die Unternehmen halten sich dann mit Investitionen zurück, denn sie sehen die sinkende Nachfrage voraus. Wenn ihre Vermögenstitel an Wert verlieren, sinkt zudem ihre Kreditwürdigkeit. Die Folge ist ein Teufelskreis von Nachfrageausfall, steigender Arbeitslosigkeit und sinkenden Preisen.

Schlimm wird es erst, wenn die Banken kriseln

Die Schlüsselrolle spielen Banken. Erst nach der Bankenkrise 1931 begann die Weltwirtschaftskrise so richtig. Ähnliches geschah nach dem Crash 1990 in Japan: "Die Bilanzen der Banken verschlechterten sich, weil ihre Vermögen geschrumpft waren. Bis heute sitzen sie auf einem Berg fauler Kredite", sagt Hanns Günther Hilpert, Japan-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Die Kreditversorgung der Wirtschaft geriet ins Stocken, und die Investitionen brachen ein. Fatal war die daraufhin einsetzende Deflation. Weil alles billiger wurde, schoben die Verbraucher Anschaffungen auf, was die Preise weiter fallen ließ. Gleichzeitig erhöhte die Deflation die Schuldenlast der Unternehmen und engte ihren Spielraum noch mehr ein.

Muss es nach dem Platzen der Blase zu Wirtschaftskrise und Deflation kommen? Nein, lautet heute das überwiegende Urteil. "Eine Aktien- oder Immobilienblase muss nicht in die Katastrophe münden. Reagiert die Politik auf das Platzen angemessen mit expansiver Geld- und Finanzpolitik, dann lassen sich die Folgen kontrollieren", sagt Carl-Ludwig Holtfrerich, Professor für Volkswirtschaftslehre in Berlin. Genau das versäumte die Notenbank der USA Ende der zwanziger Jahre. 1928 und 1929 hob sie die Leitzinsen noch an, um das Spekulationsfieber abzukühlen. Selbst als die Kurse ins Bodenlose fielen und die Industrieproduktion um rund 40Prozent einbrach, zögerte die Federal Reserve noch, die Schleusen zu öffnen. Auch die Krise in Japan war vor allem die Folge handwerklicher Fehler. "Politik und Öffentlichkeit hatten die Gefahren lange nicht verstanden", sagt Japan-Experte Hilpert. Die Geldpolitik reagierte zu spät, und die Regierung begann zu früh mit der Konsolidierung.

Blasen gelten darüber hinaus als schädlich, weil sie falsche Anreize setzen. "Das Schlimme an solchen Übertreibungen an den Wertpapier- oder Immobilienmärkten ist, dass sie zu Fehlinvestitionen in der realen Wirtschaft führen", sagt Bundesbank-Vorstandsmitglied Hans-Helmut Kotz. Zu viel Kapital landet in Industrien, die diese Kapazitäten später nicht nutzen können, oder in Immobilien, die nicht vermietet werden können. "Die Anpassung an die Wirklichkeit ist in aller Regel richtig schmerzhaft", weiß Kotz.