Andrew Largeman ist ein Mensch ohne Zukunft.Man merkt es an dem lässigen Stoizismus, mit dem er seine amerikanische Mittelstandsjugend fristet, vor allem aber an seiner Unfähigkeit zur Todesangst.Die erste Szene des Films zeigt ihn in einem von Turbulenzen geschüttelten Passagierflugzeug.Während um ihn herum Panik ausbricht, scheint er weiter zu schweben, eingehüllt in den schützenden Mantel der Apathie.Andrew, 25, ist unterwegs von Los Angeles nach New Jersey zur Beerdigung seiner Mut ter, die er seit neun Jahren nicht mehr gesehen hat und die nun in der Badewanne ertrunken ist.Wie immer befindet er sich im Auge des Taifuns: in der sicheren Festung der Gleichgültigkeit gegenüber allem, was kommt.Seine Schicksalergebenheit ist aber keine private Schrulle, sondern die hervorstechende Charaktereigenschaft seiner Generation, die selbst den Fatalismus von Douglas Couplands Generation X weit übertrifft.Andrew mit der weichen Britpop-Frisur, dem schlendernden Gang und dem verschleierten Blick gehört zu den neuen Twentysomethings, die weder Angst noch Zorn kennen, weil sie keine Ziele haben. Der Regisseur Zach Braff, Jahrgang 1975, porträtiert in seinem Kinodebüt Garden State auf kongeniale Weise die postutopische Generation Adam Green, die nicht mehr im Bewusstsein der Beschleunigung geschichtlicher Prozesse lebt. Eines Tages wurden wir geboren, eines Tages sterben wir, hieß es bei Beckett. Frozen in time forever, singt Adam Green, und wenn Largeman am offenen Grab seiner Mutter steht, während im Hintergrund die Planierraupe wartet, dann ist es, als hätte diese Frau nie gelebt, und wir spüren den schrecklichen Widerspruch zwischen der Beständigkeit der Welt und der Vergänglichkeit ihrer Bewohner.Dass Zach Braff diesen Widerspruch konsequent ironisiert, ohne ihn zu entschärfen, macht den makabren Reiz seines Films aus.Garden State ist ein existenzialistisches Gesellschaftspanorama, gespickt mit kuriosen Friedhofssituationen. Holy shit!, rufen die im Regen wartenden Leichenbestatter aus, als sie Largeman erkennen, der seinerzeit mit ihnen zur Schule gegangen ist und nun wie entschuldigend den Grund seines Auftauchens nennt: That's my mum.Der verlorene Sohn im Konfirmandenanzug, das Begrüßungskomittee in Gummistiefeln - es ist die klassische Geschichte vom Odysseus, der endlich nach Hause zurückkehrt, wo alles gleichgeblieben ist und alles sich verändert hat. Zach Braff hat einen grandios komischen, halb realistischen, halb surrealen Film gedreht.Er kombiniert die Ernsthaftigkeit des Charakterdramas mit der Exaltiertheit des Videoclips.In ruhigen Einstellungen, aber schnellen Erzählsprüngen entwirft er das Porträt eines traumatisierten jungen Mannes, der sich den Gespenstern seiner Kindheit stellt.Zuerst setzt er eigenmächtig die Psychopharmaka ab, die ihm sein Vater, der Psychiater, verordnet hat. Dann schnappt er sich die Beiwagenmaschine seines Großvaters, um seine Heimatstadt zu erkunden.Und nebenbei findet er die Liebe in Gestalt einer schönen Gewohnheitslügnerin. Woran erkenne ich, dass du gerade nicht lügst?, fragt Andrew. Ich könnte es dir sagen, antwortet Samantha, aber woher wüsstest du, dass ich nicht lüge? Zach Braff bringt uns eine Generation von Sonderlingen nahe, die oft weltfremd, ja beinahe töricht wirken.Ihre Berufe sind Aushilfskellner, Provinzpolizist oder Erfinder des geräuschlosen Klettverschlusses.Sie bekommen jedoch einen positiven Akzent als Protagonisten einer indirekten Kulturkritik, die den unvollkommenen Menschentyp zum Ideal erhebt.In ihrer Abgeklärtheit wirken sie viel souveräner als etwa die hysterischen Yuppies in Bret Easton Ellis' American Psycho: zu reflektiert, um die fi esen Spielchen des Geschlechterkampfs zu spielen, zu weise, um sich nach dem großen Triumph zu sehnen.Sie verkörpern den Typus des coolen Losers, der sich seine eigene sublimierte Form der Freiheit erfindet. Meine Mutter wollte immer, dass ich sie beeindrucke, sagt einer der Leichenbestatter. Aber weißt du was: Ich bin gern unbeeindruckend.