Gert Hof ist ein Mann der Superlative, und er zündelt gern. Zum Beispiel bei der Millenniums-Feier in Athen. Mikis Theodorakis ließ auf der Akropolis einen Chor von mehr als tausend Sängern erschallen. Hof besorgte für 1,9 Millionen Zuschauer vor Ort und eine halbe Milliarde am Fernseher ein monumentales Feuerwerk. Die Akropolis tauchte er in gleißend blaues, weißes und rotes Licht. Starke Scheinwerfer flackerten in der Nacht wie Mündungsfeuer. Dutzende von symmetrischen Achsen formten sich über den Säulenreihen. Wie eine Maschine folgte das präzis choreografierte Feuerwerk der kalten Farben Theodorakis’ Musik. Jubelnde Streicher, schmetternde Bläser, ekstatische Chöre: ein Sound so wuchtig wabernd wie der Rauch von Hofs Feuerwerk und sein geliebter künstlicher Nebel.

Gert Hof ist einer der international erfolgreichsten Lichtdesigner. Zu seinen Kunden zählen die Volksrepublik China, die Europäische Kommission, die Expo 2000, der Musikkonzern Universal und das Washington Holocaust Museum. Als Regisseur konzipierte er die Shows der erfolgreichsten deutschen Rockband Rammstein, bei denen ihr Sänger Till Lindemann effektvoll in Flammen aufging. Praktisch alle großen Medien haben ausführlich über Hof berichtet. Er inszeniert sich als düsterer Schmerzensmann und manisches Genie; einer, der mit einem Gesamtkunstwerk hoch hinaus will über das Mittelmaß. Die passende Lebensgeschichte dazu hat er parat. Sie handelt davon, wie die Stasi 1967 beim damals 16-jährigen Gert Hof eingefallen sei und ihn wegen einiger Pop-Singles und Freiheitsgedichte festgenommen habe. In der Stasi-Haft, sagt der heute 54-Jährige regelmäßig in Interviews, habe ihm ein Wachmann das rechte Auge ausgeschlagen. Seither brenne er vor Wut. So rechtfertigt Hof die Tabubrüche seiner Ästhetik, die Kritiker an Speer und Riefenstahl erinnern. Aber die Geschichte ist maßlos übertrieben und zum Teil frei erfunden.

1. Auf dem rechten Auge blind

Hof ist ein unscheinbarer Mann. Untersetzt. Kahlköpfig. Große Brille. Mit diesem starren, milchig eingetrübten Auge hinter dem rechten Glas. Aber er kann erzählen. "Wie Sie vielleicht wissen, saß ich in der DDR anderthalb Jahre in Haft, und die Stasi hat mir ein Auge ausgeschlagen. Das alles wegen zwei Rolling-Stones-Platten, weil Tante Marga aus Hamburg The Last Time und Satisfaction geschickt hatte." Er habe auch ein paar Gedichte geschrieben, in denen es Anspielungen auf die Beat-Lyrik gegeben habe. In einem preisgekrönten Porträt der Berliner Zeitung schilderte er sein Martyrium im Gefängnis weiter: "Als ich [nach längerer Dunkelhaft, Anm. der Red.] rauskam, blendete die Helligkeit, dass es schmerzte. Ich riss die Arme hoch, um die Augen zu schützen, da schlug ein Wachmann mit seinem Knüppel zu." Auf einem OP-Tisch sei er wieder zu sich gekommen, auf dem rechten Auge blind. Stasi und Justiz hätten drohend geraten, über den Vorfall zu schweigen. "Jeden Morgen beim Rasieren sehe ich das Auge", sagt Gert Hof. "Jedes Mal, wenn ich mir ein bisschen unter die Haut schneide, sitzt da dieser Schmerz. Ich weiß ja nicht, was in Bautzen in mir verloren ging. Vielleicht wäre ich ohne diese Erfahrung hinterm Postschalter gelandet oder Banker geworden." Aber was ist damals wirklich passiert?

Taucha ist eine deutsche Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch. Schmucke Altstadt mit Kopfsteinpflaster, Schloss, Rathaus und Heimatmuseum. An der Hauptstraße in Richtung Leipzig stehen viele Häuser leer. Eingeschlagene Fenster, verblichene Schilder längst aufgegebener HO-Gaststätten, Mietskasernen. In einem dieser grauen Wohnblöcke wurde Hof groß in einer Zeit, als die DDR ihre Gangart gegenüber Jugendlichen verschärfte. Seit 1965 war die Angst des Staates vor der "Verherrlichung der westlichen Lebensverhältnisse" so groß, dass das Hören von "Beatmusik", die "Einschleusung westlicher Literaturerzeugnisse" und selbst das Tragen von Jeans zum staatsfeindlichen Akt wurden. Als Folge der Westinfiltration witterte man überall "Gruppierungen, die selbstgefertigte Hetzschriften verbreiten, andere Jugendliche ideologisch beeinflussen". Stasi-Chef Erich Mielke forderte: "Bei Beginn von Zusammenrottungen muss eingeschritten werden, und die Organisatoren und Rädelsführer müssen festgestellt und zur Übergabe an die Gerichte bzw. zur Einleitung von Arbeitserziehung festgenommen werden."

In dieses Klima fiel die Verhaftung von Gert Hof im September 1967. "Der Gert hat einen Haufen Schallplatten gehabt", erinnert sich Karlheinz Boesler, der damals zu seiner Clique gehörte. "Er hatte immer sein Kofferradio mit." Hof schrieb auch Texte und unterlegte sie mit Musik. Boesler erinnert sich an Titel wie Will frei sein wie ein Vogel oder Der Wind der Welt . Die Clique traf sich im Jugendclub, vor dem Kino, im Wartehäuschen der Tram, in Parks – ein Dutzend Unzufriedener, die gegen die Regierung schimpften, immer lauter, selbst beim Schwof in der Stadthalle. In die Kritik an den Verhältnissen mischten sich auch rechtsradikale Töne. Man sang schon mal Nazilieder oder zeigte den Hitlergruß, erinnert sich Boesler. Der Anführer der Gruppe, zehn Jahre älter und wegen Diebstahls vorbestraft, gab den Ton an. "In Leipzig, als wir zum Tanzen waren, da ist er ans Mikrofon und hat gesagt: ›Wollt ihr den totalen Beat?‹ Da haben die Massen getobt", sagt Boesler.

Die Stasi, die die Gruppe beobachtete, sollte solche Parolen als einen wesentlichen Grund für die Anklage wegen "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" nutzen. Im Frühjahr 1968 kam es zum Prozess. Der 16-jährige Hof erhielt 18 Monate, der 18-jährige Boesler zwei Jahre. Nach der Wende erwirkte der frühpensionierte Bauarbeiter, der heute in Bayern lebt, ein Rehabilitierungsurteil. Die jungen Leute seien "in ihrer Ablehnung des Kommunismus und Sozialismus auch auf die extreme rechte Seite der Politik" geraten und "plapperten ohne genaueres darüber zu wissen, einiges aus dem Wortschatz der Nationalsozialisten nach", heißt es darin.

Der exemplarische Vollzug der neuen Jugendpolitik traf die Clique mit voller Härte. Aber ein Schicksal, wie es Boesler und viele andere in der DDR für ihren ungelenken Protest gleichfalls erlitten, reichte Hof nicht aus. Dazu passt, dass er die rechten Parolen der Gruppe heute verschweigt und dass er die anderthalb Jahre seiner Strafe in Bautzen verbüßt haben will, dem berüchtigtsten DDR-Gefängnis, in dem unter anderem der renommierte Schriftsteller Erich Loest für angebliche "konterrevolutionäre Gruppenbildung" einsaß. Dokumentiert ist dagegen nur, dass Hof nach einem halben Jahr Untersuchungshaft bei der Stasi in Leipzig die restlichen zwölf Monate in einem Jugendgefängnis in Thüringen absaß, wie die Zentrale Haftkartei des Innenministeriums der DDR belegt.