Vierzig Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Deutschland – das ist so etwas wie ein jahrzehntelanger Dauerversuch, Normalität zwischen den Völkern anzudeuten, wo keine sein kann und soll. Rückschläge gab es viele, gleichwohl bewegt sich in diesen schwierigen Beziehungen langsam etwas zum Besseren, nicht nur politisch. Die Deutschen spüren heute intensiv dem verlorenen jüdischen Element ihrer Kultur nach, historiografisch, künstlerisch, auch emotional.

Aber mit Israel können sie im Grunde bis heute nicht viel anfangen. Dieser Staat, militärisch nicht zimperlich und stets an der Seite der USA, wurde und wird von den Deutschen beargwöhnt. Wenn jetzt als kultureller Höhepunkt der diplomatischen Jubiläumsfeiern im Berliner Gropiusbau die Ausstellung Die Neuen Hebräer – 100 Jahre Kunst in Israel eröffnet wird, zeigt diese Ausstellung nicht das Israel, wie es sich selbst sieht – viele palästinensisch-israelische Künstler sagten ihre Teilnahme aus Furcht vor einer Staatskunstschau ab –, sondern eine Präsentation für die Deutschen. Sicher ist das didaktisch. Es ist vor allem ein Angebot, Unterschiede wahrzunehmen, wo Israel noch immer allzu rasch und pauschal mit dem Jüdischen identifiziert wird.

Von sechs Millionen Israelis sind immerhin eine Million Araber. Die Mehrheit der israelischen Juden lebt nach wie vor säkular. Die israelische Gesellschaft integriert heute vor allem die unterschiedlichen Kulturen ihrer Einwanderergruppen, es ist eine kaum auf den einheitlichen Nenner zu bringende Hybridkultur. Diese Gesellschaft hat sich auch im Krieg ihren zivilen und freiheitlichen Charakter nicht rauben lassen. All das mögen die Deutschen registrieren, wirklich plausibel wird ihnen das komplexe Ganze Israels jedoch kaum.

Die Kuratoren Doreet LeVitte Harten und Yigal Zalmona vom Israel Museum in Jerusalem machen die Vielfalt der in Israel wirkenden kulturellen Stränge über Kunstwerke sichtbar. Architektur ist damit ebenso gemeint wie Fotografie, Propagandamaterial, Kunsthandwerk oder historische Objekte von nationaler Bedeutung. Die Ausstellung ist als chronologischer Rundlauf konzipiert, jedoch keine Geschichtsschau. Sie setzt mit dem Beginn einer zionistisch inspirierten Bildproduktion für einen künftigen jüdischen Nationalstaat ein, genauer 1906, mit der Gründung der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem.

In jedem Raum, der einer Epoche, einem Mythos oder einem Trauma des Landes gewidmet ist, haben die Kuratoren die historischen Exponate mit israelischer Gegenwartskunst konfrontiert. Dabei sind ein paar Entdeckungen zu machen wie beispielsweise die bösen, mit christlichen und schwulen Motiven spielenden Soldatenfotos von Adi Ness. Anderes bleibt bemüht oder gut gemeint. Auf ein Ziel steuert die Ausstellung nicht zu, weder auf ein zeitliches noch auf ein politisches. "Frieden" ist das Wort, das nicht ausgesprochen, das Bild, das nur ironisch verfremdet gezeigt werden darf. Am Schluss flüchten sich die Veranstalter in ästhetische Vieldeutigkeit. Anders ist es auch wohl nicht denkbar.

So wirkt diese Ausstellung insgesamt wie ein nachgetragener, ein rekonstruierter Traum Israels von sich selbst. Denn es ist ein den Zeitläuften abgetrotzter, "unwahrscheinlicher" Staat, ein Land mit der tiefen Sehnsucht, bloß Nation unter Nationen zu sein. Seine Utopien sind die andere Seite des handfesten Realismus, welcher bis heute das Überleben Israels sichert. Seine Bilder schweben sehr nah über diesen idealen Versionen von sich, einsetzend mit dem Zionismus, der nicht nur europäische Zivilisiertheit nach Palästina transportieren wollte, sondern auch das Bild des gedrückten Stetl-Judens ersetzen: durch einen endgültig beheimateten jüdischen Helden der Moderne.

Diese friedliche, säkulare Ur-Utopie Israels musste immer wieder an der Gewalt korrigiert werden. 1929 endet die Phase der romantischen Verklärung Palästinas und seiner arabischen Einwohner abrupt in blutigen Kämpfen. Nach 1948 kommen die Überlebenden der Lager ins Land. Was sie erlebten, will niemand hören. Die Überlebenden stehen für den alten jüdischen Opfer-Mythos, den man überwunden zu haben glaubte. Erst 1961, im Zuge des Eichmann-Prozesses, begreift Israel, was die Schoah für die Überlebensräson des Landes bedeutet. Und seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 ist das Gefühl der Bedrohung nie wieder von seinen Einwohnern gewichen.