HÜTTENSTRASSE 15 Wie in Amerika

DDR 1968: Der Junge ist zwölf, als die Familie von Dingelstedt nach Sangerhausen am Südharz zieht. Vom Dorf in die Stadt, wo die Häuser höher als die Bäume sind, die Menschen geschwätzig und die Mädchen ziemlich reif

Diese Kinderkatastrophe hat sich 1968 zugetragen. Der Blitz schlug aus heiterem Himmel ein. Ein Juniabend war es und ich zwölf. Wir saßen um den Tisch der Sommerstube und löffelten Erdbeeren mit Milch. Da eröffnete Vater: Anfang September ziehen wir um.

Was? O bitte nein! Warum?

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Nach zehn Jahren Dingelstedt, erklärte Vater, wolle er die Pfarrstelle wechseln. Auch wegen Muttis Gesundheit. Die Dorfpfarre zehre sie auf – der riesige Garten, das uralte Haus, im Winter ein Eispalast. Wir zögen über den Harz, nach Sangerhausen. Dort könne Michael am Ort auf die Erweiterte Oberschule gehen, statt täglich mit dem Bus nach Halberstadt zu fahren.

Michael, der Große, nickte eingeweiht. Der zehnjährige Wolfgang weinte. Baby Stephan schlief im Körbchen und fand sein Menschenrecht auf Heimat unbedroht. Ich würgte eine Frage aus: Und Muck?

Dein Kater kommt natürlich mit.

Fortan war Abschied – von Haus und Hof, vom Huywald und den Kirschplantagen, vom Thingplatz und der Üppelquelle. Die Symphonie des Dorfs verklang – Trecker und kreischende Sägen, der Gänsechor, das Hufgeschnalz der Pferde, das wimmelnde Trappeln der Schafe im Hohen Weg. Noch läuteten die Glocken der väterlichen Kirche. Ich saß tragisch auf der Mauer, noch zu Hause und schon heimwehkrank, und sah den Leichenzug des Herrn Klietz hinauf zum Friedhof schreiten. Mir stand ja demnächst Ähnliches bevor.

Das neue Schuljahr begann. Ich wollte für einen letzten Tag zu meiner Klasse gehören, zu Ulli, Konni, Eberhard und der rapsblonden Angelika. Frau Schmädig verabschiedete mich und stellte eine Neue vor. Hass überfiel mich. Diese Zugereiste erbte nun mein Dorf. Ich erwirkte ein Klassengelächter über ihren Namen. Zieta hieß sie, Zieta Müller. Frau Schmädig, scharf: Denkst du, Christoph ist schöner?

Der Möbelwagen kam. Seit Tagen verschwunden war Muck. Kurz vor der Abfahrt fand der Streuner heim. Ich griff ihn und sperrte ihn in die Kiste. Er fauchte und kratzte, ich heulte vor Erleichterung.

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