Die Gangsta-Epen des HipHop zeigen das Ghetto als Heimat glamouröser Zuhälter, rauschender Partys und rauchender Kanonen. Die Wirklichkeit aber ist grau und voller Depression. Der Inner City Blues, er ist auch 30 Jahre nach Marvin Gayes gleichnamiger Soul-Eloge aktuell. Aus dem Munde von Common allerdings fließt der Blues über druckvolle HipHop-Rhythmen. Und bringt alternde Revolutionäre und blutjunge Millionen-Dollar-Produzenten zusammen.

The Corner bezeichnet nicht die Ghetto-Straßenecke, an der man als durchschnittlicher HipHop-Video-Konsument Gangster, Nutten und unter Kapuzen versteckte Dealer vermutet. Nein, die erste Single aus Commons neuem Album BE (G.O.O.D. Music/ Geffen) erzählt von den beinahe vergessenen Inseln schwarzen Stolzes und Gemeinschaftslebens. Er mischt unter den karg treibenden Beat die energischen Stimmen der Vergangenheit. Sie gehören den Last Poets, drei ergrauten Herren, die sich bereits 1968 an der Kreuzung von Black Arts, Black Power und schwarzer Bürgerrechtsbewegung fanden und als Urväter des Rap gelten. Ihr Enkel Common hat zwar deren zornige Deklamation durch geschmeidigen Flow ersetzt. Geistig aber fühlt er sich ihrer Mission verbunden. So rappt Common in Testify von einer Frau, die vor Gericht für ihren Mann aussagt. Predigen muss er dazu nicht. Aber seine klug aneinander gefädelten Metaphern, das beiläufige name dropping afroamerikanischer Vorbilder macht neugierig: Ist HipHop wirklich nur eine Adaption verkaufsträchtiger Images?

Commons letztes Album Electric Circus nahm Anleihen bei experimentellem Rock und Jazz und fiel am Markt durch. Jetzt besinnt er sich auf sein Kernpublikum: Warum nicht den traditionellen Geschichtenerzähler mit dem Sound der Straße versöhnen? Kanye West, ein Rap-Kollege und Hitproduzent für Alicia Keys, Jay-Z und Mariah Carey, soll es möglich machen. Er hat den Großteil von BE produziert und auf seinem Label veröffentlicht. Soulige und höchst kommerzielle Beats sind das Ergebnis: der Inner City Blues im Hochglanzformat. Der Vorwurf des Ausverkaufs aber kann Common genauso wenig treffen wie einst Marvin Gaye. Schließlich weiß er: HipHop hat einer Botschaft zu dienen, nicht umgekehrt.