DIE ZEIT: Seit polnische Arbeiter für Billiglöhne in deutschen Schlachthöfen arbeiten, wächst der Unmut über Europa und die EU. Zu Recht?

Vladimir Spidla: Natürlich nicht. Was derzeit in deutschen Schlachthöfen passiert, ist schlimm. Aber es hat mit der EU nichts zu tun. Das Problem muss und kann von der Bundesrepublik gelöst werden.

ZEIT: Dennoch wächst die Furcht, dass das deutsche Sozialsystem durch die Erweiterung der EU unter Druck gerät, weil es der billigen Konkurrenz aus Osteuropa nicht standhalten kann.

Spidla: Das Gegenteil ist richtig. Die größten Veränderungen gab es bereits nach dem Fall der Mauer. Kurz danach ist Volkswagen in die Tschechische Republik gekommen. Heute nimmt der Konkurrenzdruck durch die Erweiterung eher ab. Der Beitritt zur EU zwingt die osteuropäischen Länder, ökologische und soziale Standards des Westens zu übernehmen. Die Unterschiede zwischen West und Ost werden also geringer.

ZEIT: Indem die Armen langsam die Sozialpolitik der Reichen bekommen? Oder muss nicht vielmehr der Westen seine hohen Standards nach und nach denen des armen Ostens anpassen?

Spidla: Wenn Sie Ost und West vergleichen, dann müssen sie genau hinsehen. Glauben Sie, der Kündigungsschutz sei beispielsweise in der Tschechischen Republik lockerer als in Deutschland? Oder der Mutterschaftsurlaub? Eben nicht. Wir haben den gleichen Standard.

ZEIT: Haben wir auch die gleichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit? Was verbindet die Sozialpolitik der 25 EU-Mitglieder?