Taschenbuch Ein Toter aus Minnesota
Ich habe eine Theologie, und sie geht so: Gott ist die Transzendierung einer Erfahrung und ihre Festlegung im Absoluten. Diese Erfahrung kann zum Glück (wenn auch mit verschiedenen Aussichten) ein jeder Mensch machen. Es ist ja nichts Mystisches, sondern es ist die im Lebenslauf der meisten vorkommende, sich besonders im Rückblick herstellende Perspektive, dass es immer weitergegangen ist: Die härtesten Konflikte, die schlimmsten Verletzungen, falls man sie überlebt hat, sind in ihrer akuten Unabweisbarkeit weg. Man ist über sie hinweggekommen, und diese Perspektive lässt sich auf ein anderes Ereignis, nämlich auf sein eigenes Ende anwenden. Gott ist danach eine vom irdischen Werdegang genährte Hoffnung auf das Weiterleben nach dem Tode, und ich meine das nicht religionskritisch. Zur Frage, ob Gott existiert oder nicht existiert, habe ich hier nichts beigetragen, sondern nur zu der, wie die Vorstellung von Gott, der mit unseren niederen Sinnen nicht zu sehen ist, entsteht. Außerdem ist es nur eine Entstehungsgeschichte – es gibt, ich weiß es, viele andere.
Ich habe auch eine Theorie, und zwar über das Lachen. Dem Lachen haftet (unter anderem) auch etwas Physisches, etwas Geistloses an. Das Geistlose ist nicht unbedingt, man denke nur ans Geistreiche, an diese peinliche Opulenz, am meisten verächtlich. Wenn einmal nichts zu sagen ist, dann ist nichts zu sagen – man erkennt dann den größten Geist daran, dass auch er nichts sagt. »Wenn die Irrtümer verbraucht sind«, heißt es in einem Gedicht von Brecht, der einige Irrtümer pflegte, »Sitzt als letzter Gesellschafter / Uns das Nichts gegenüber.« Die Strophe davor schreibt die Hoffnung den Blinden zu; wer sieht, hat keine Hoffnung. Einen Ausweg mag es also nicht geben, aber es gibt – angesichts des Nichts – noch eine letzte Art der Souveränitätsbekundung: Der Mensch kann am Schluss in Lachen ausbrechen; es war alles nichts, und am Ende wird nichts sein.
Gott, der Tod, das Lachen und das Nichts bilden ein philosophisch-literarisches Quartett, das alle Stücke spielt. In Schopenhauers Nachlass habe man die Verse gefunden: »Gott – wenn du bist – errette aus dem Grabe / meine Seele – wenn ich eine habe!« Dies entspricht in der Haltung und auch in der ästhetischen Durchführung dem ewigen Kinde Gottes, das – wenn es nur geht – doch gerettet werden will. Alle Menschen, die sich für solche Fragen interessieren, müssen das Manesse-Buch lesen: Der verlachte Tod, herausgegeben von Roger Shatulin.
Wer zuletzt lacht, ist klar. Aber so lange lachen wir
Die Heimat, auf die der Patriot, der nirgendwo sonst begraben sein möchte, so stolz ist, wird vom Spötter auf Leben und Tod geprüft: »Tote sind noch toter / sterben sie in Minnesota.« Das sind ins Deutsche übersetzte Zeilen von Bob Dylan, die zur Überlegung anregen, in welchen Orten man als Toter vielleicht viermal so tot ist oder fünfmal. Die Steigerungsstufen führen ins Unendliche. Man muss ja auch mit den Orten rechnen, in denen man bereits im Leben nicht lebendig ist. Gewiss, wer zuletzt lacht, ist immer der Tod, aber bis dahin kann man versuchen, über ihn zu lachen; er ist sowieso ein Witz, auch wenn man bedenkt, was man sich alles vergeblich antut, um von ihm nicht ereilt zu werden.
Eine Haupttendenz der Sentenzen im Verlachten Tod scheint mir gegen das »de mortuis nil nisi bene« gerichtet zu sein. Man kann es als ungerecht empfinden, einen Deppen bloß deshalb würdigen zu sollen, weil er tot ist. Eine schöne Umkehrung des Gebots durch demonstrative Einwilligung in das Lobreden für Verstorbene stammt von Friedrich Christoph Weißer (1761 bis 1836): »Nur Tote rühmst du, Paul, und ich / Erwählte längst zum Muster dich. / Drum eile, hochverdienter Mann, / Dass ich nach Wunsch dich rühmen kann.«
Der Todeswunsch, mit dem man andere bedenkt, lässt sich im Witz enthüllen und verbergen. Die Heiterkeit mag den Schwulst besiegen, der vor Gräbern üblich ist. Aber sie enthält auch etwas billig Tröstliches, um das es dem Schwulst, wenn er nicht pure Heuchelei ist, ja ebenfalls geht. Nicht der »schwarze Humor«, sondern das Untröstliche im Zusammenhang mit dem Lachen ist das weniger Bekannte, das Unvertraute. In dem Gespräch mit Günter Gaus sagte Hannah Arendt, man habe ihr nicht verziehen, dass sie beim Studium der Polizeiakte des Eichmann-Verhörs auch gelacht habe. »Ich würde«, sagte sie, »wahrscheinlich noch drei Minuten vor dem Tod lachen.«
- Datum 25.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.05.2005 Nr.22
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