Ach wie schön hat alles begonnen! Erst 15 Jahre ist jene Wende her, die später irrtümlicherweise als "Ende der Geschichte" bezeichnet wurde. Wir konnten uns gar nicht genug freuen über den nahen Sieg des Kapitalismus. In unseren Medien, die durch einen Wink mit Gorbis Zauberstab freier und objektiver geworden waren, häuften sich die positiven Berichte über ihn. Das furchterregende Ungeheuer hatte sich in einen schönen Prinzen verwandelt, und wir widmeten uns den Attraktionen des Marktes mit der unbedingten Hingabe Neubekehrter. Wie Kinder, die unter den Klängen mechanischer Musik von einer unsichtbaren Schnur ins Jahrmarktszelt gezogen werden. "Markt, Markt, alles Markt", wiederholten, als sei es eine Beschwörung, Ökonomen, Philosophen und Dichter – obwohl niemand (am allerwenigsten die Ökonomen) die Bedeutung dieses Wortes wirklich verstand.

Diejenigen unter uns, die als Erste in den Westen gelangten, berichteten von einer unglaublichen Vielfalt an Essen und Trinken und von anderen Wundern der Konsumwelt. Etwa: "Stell dir vor, dort bedankt man sich bei dir für den Einkauf!"

Die Initiation durch den Supermarkt, dieses besondere Ritual der Heranführung des Homo sovieticus an die westlichen Werte, wurde zum Wendepunkt des Lebens. Ein mir bekannter Dichter, heute Bürger des Staates Israel, der schon Ende der siebziger Jahre von Kiew nach München emigriert war, führte seine frisch angekommenen Gäste aus dem Osten zuallererst in einen gigantischen Cash & Carry-Markt. Ausmaße und Bandbreite des Angebots überwältigten uns. Die Zivilisation schien zu 99 Prozent aus Überflüssigem zu bestehen und war gerade deshalb wunderschön. Eine absolut andere, bessere Welt, die noch dazu schwindelerregend gut roch. Niemals werde ich auch das riesengroße Aquarium mit Fischen und Wasserpflanzen vergessen. Opferfische, bestimmt, erschlagen und gefressen zu werden – aber wie sie da im farbig beleuchteten Wasser herumschwammen, wie sie spielten!

Keine Frage, der Kapitalismus war wunderbar!

Dann wurde er unbeholfen auf unseren heimatlichen Boden aufgepfropft: Schock ohne Therapie, wilde Aneignung von Besitz, völlige Entwertung aller Ersparnisse, offene und verdeckte Arbeitslosigkeit, sozialer Abstieg bis ins Lumpenproletariat – und als Antithese die ersten "fetten Kater", später Oligarchen genannt.

In Wirklichkeit ist also bei uns der Kapitalismus ausgebrochen (noch dazu ebenjener, der wilde), bei ihnen aber herrschte etwas viel Schöneres – die liberal-postindustrielle Gesellschaft.

Es ist übrigens noch gar nicht lange her, da hat mich ein Berliner Doktor der Philosophie in einer Diskussion darauf hingewiesen, dass die oligarchische Ordnung die vollkommenste Form des ökonomischen Liberalismus sei.

Und ich dachte, wir hätten es mit banalen Banditen zu tun.