Die Demonstranten trugen weiße Kittel und schwarze Transparente. Mehr als die Hälfte der französischen Notärzte trat Anfang April in den Ausstand, um gegen die geplante Arbeitszeitrichtlinie der EU-Kommission zu protestieren. Die Ärzte fürchteten, dass ihnen der Brüsseler Entwurf mehr Arbeit und weniger Ruhezeiten bringen würde. Von einer Präsenzpflicht bis zu 72 Stunden war die Rede. Sofort stellte sich Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy vor seine Mediziner. Heute ist klar: Frankreichs Ärzte dürfen nach 24 Stunden Einsatz auch künftig ebenso lange zu Hause bleiben. Dafür hat der Minister sogar die Bestätigung des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg bekommen.

Der Wirtschaftsexperte der konservativen Regierungspartei UMP im Parlament, Jean-Michel Fourgous, betont derweil sogar, dass ihm statt einer begrenzenden sozialen Norm längere Wochenarbeitszeiten in Frankreich lieber wären. Damit steht er nicht allein. Es gibt einen wachsenden Reformerflügel in der Regierung wie auch der konservativen Mehrheitspartei UMP, die einige Vorschriften gerne lockern würden.

Doch dazu müsste sich die Regierung an ein ziegelsteindickes Buch wagen, das 2632 Seiten hat und 1,4 Kilogramm wiegt: den Code du Travail . An ihm ist bisher noch jede Flexibilisierung des Arbeitsrechts gescheitert.

134 EU-Richtlinien werden ignoriert, so viele wie nirgendwo sonst

"Wir sind das Land, in dem die Menschen am spätesten mit der Arbeit anfangen, am frühesten damit aufhören und in dem es die niedrigeste jährliche Arbeitszeit gibt", klagte vergangene Woche der konservative Expremier Édouard Balladur im Pariser Parlament. Und sein Mitstreiter Nicolas Sarkozy, Parteichef der UMP, erhofft sich von Brüsseler Initiativen sogar ein Aufbrechen der festgefahrenen Strukturen. "Wer länger arbeiten und mehr verdienen will", predigt er, "der soll das auch tun." Doch auch in seiner kurzen Zeit als Wirtschaftsminister im Jahr 2004 hatte Sarkozy nicht mehr erreicht, als einzelnen Betrieben kleinere Lockerungen zu gewähren. In seiner aktuellen Kampagne für die neue EU-Verfassung scheut er sich nicht, Brüssel als Entwicklungshelfer für die Modernisierung Frankreichs zu preisen.

Der Einfluss der Europäischen Union hat bei der gegenwärtigen Teilprivatisierung staatlicher Unternehmen wie der Energieversorgung, Telekommunikation und bald auch der Staatsbahn schon Früchte getragen. Doch auf einem Feld bleibt der Rückstand groß: Mit 134 noch nicht umgesetzten Binnenmarktrichtlinien – vor allem im Steuerrecht und der Berufsfreiheit – ist Frankreich das Schlusslicht unter allen Mitgliedsländern der Union.

Schon geht die nächste Furcht um: vor dem polnischen Klempner, der bald legal und für ein Bruchteil der französischen Kosten arbeitet und durch sein "Sozialdumping" die einheimischen Handwerker brotlos macht.

Diese Sorge vor Europa ist einer der Hauptgründe, warum viele Franzosen am kommenden Sonntag non zur neuen EU-Verfassung sagen wollen.  MICHAEL MÖNNINGER