Außer ein paar Gewerkschaftern war eigentlich keiner zufrieden. Die Entscheidung des Europäischen Parlaments, die Briten auf eine maximale Arbeitszeit von 48 Stunden zu verpflichten, hat auf der Insel vor allem Empörung ausgelöst. Europa sei "verrückt" geworden, kritisierte die Sunday Times. Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes, Digby Jones, ätzte, das Parlament habe "Europas Wirtschaft auf Rückwärtskurs" geschickt.

Der Zank verdeutlicht den ideologischen Graben, der Großbritannien vom europäischen Kontinent trennt. Die entscheidenden Fragen, um die es dabei geht, lauten: Wie viel Freiheit gewährt der Staat seinen Bürgern? Wie viel Schutz bietet er ihnen? Wie viel Staat braucht der Mensch? Für die Briten ist die Antwort klar, der Staat soll sich, bitte schön, heraushalten. Im Zentrum der Gesellschaft steht das Individuum, das selbst am besten entscheiden kann. Carol Undy, die Vorsitzende des Verbandes der Kleinunternehmer, kommentiert die Straßburger Entscheidung so: "Hier geht es um ein Grundprinzip – das Recht jedes Arbeiters, seine Arbeitszeit selbst zu bestimmen."

Im europäischen Vergleich arbeiten die Briten relativ viel. 32 Prozent aller Arbeiter verbringen mehr als 48 Stunden in der Woche an ihrem Arbeitsplatz. Nur die Belgier arbeiten noch mehr. 33,9 Prozent von ihnen sind von der Festlegung der Wochenarbeitszeit auf maximal 48 Stunden betroffen. In Deutschland sind es 31,2 Prozent. Das hat die Londoner Work Foundation errechnet. Allerdings sind mehr als drei Viertel der Briten, die mehr als 48 Stunden arbeiten, mit ihrer Situation auch ganz zufrieden. "Die große Mehrheit arbeitet so viel, weil sie es will", sagt Ben Wilmott vom Institut für Personal und Entwicklung.

In einem Jahr sollen die Briten über die EU-Verfassung abstimmen. Der Konflikt über die Arbeitszeiten zeigt, wie schwer es die europäische Idee auf der Insel hat. John F. Jungclaussen