Wer dieser Tage mit Air Berlin fliegt und das Bordmagazin aufschlägt, dem trägt Geschäftsführer Joachim Hunold gleich auf der Aufschlagseite seine Sorgen vor. Nicht, dass es der Airline schlecht ginge. Sie wächst und gedeiht. Deshalb sucht Hunold ständig Mitarbeiter – und da wittert er Unheil, seit die Bundesregierung das Antidiskriminierungsgesetz vorgelegt hat. "Demnächst", so der Boss der Fluglinie, "werden wir für die Personalauswahl wohl ein Juristen-Team einsetzen und Videoaufzeichnungen machen müssen."

In Deutschland hat der Kampf gegen Diskriminierung den Rang eines Grundrechts. Im Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes heißt es: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." Warum also noch ein umfangreiches Gesetz? Weil die Bundesregierung drei Brüsseler Richtlinien umsetzen muss, die den Kampf gegen Diskriminierung ausführlich regeln. Berlin ist beträchtlich im Verzug, der Europäische Gerichtshof in Luxemburg droht mit empfindlichen Geldstrafen.

Mit dem im Januar vorgelegten Entwurf eines Antidiskriminierungsgesetzes kommt die Bundesregierung dieser Verpflichtung nach. Dabei geht sie allerdings in einigen Punkten deutlich über die Brüsseler Vorgaben hinaus.

So verlangt die EU von allen Mitgliedsländern, dass Personen ohne Unterschied ihrer Rasse oder ethnischen Herkunft generell gleich behandelt werden. Das gilt bei der Vermietung einer Wohnung ebenso wie beim Zutritt zu einer Disco, beim Abschluss einer Versicherung, bei der Vergabe eines Kredits oder dem Buchen einer Reise. Speziell für die Arbeitswelt ist dasGebot der Gleichbehandlung auf Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter und sexuelle Ausrichtung ausgeweitet. Schließlich verlangt eine "Gleichbehandlungsrichtlinie wegen des Geschlechts" ausdrücklich, dass Frauen auch außerhalb des Berufs nirgends diskriminiert werden.

Das reicht vielen Kritikern, um Zeter und Mordio zu schreien (auch wenn Frauenparkplätze und Seniorenteller nicht unter die Rubrik Diskriminierung fallen). Doch die Bundesregierung geht weiter als die EU-Richtlinien, indem sie deren Minderheiten-Katalog aus der Arbeitswelt auf alle möglichen Fälle von Diskriminierung anwenden will.

Besonders problematisch ist dabei, dass im deutschen Gesetzentwurf die Beweislast umgekehrt wird. Wenn etwa ein abgewiesener Stellenbewerber behauptet, diskriminiert worden zu sein, dann muss er das nicht beweisen; stattdessen muss der Arbeitgeber nachweisen, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist und keine Diskriminierung stattgefunden hat.

Airline-Chef Hunold liegt gar nicht so falsch mit seiner Angst: "Falls also künftig eine Kandidatin oder ein Kandidat beim Einstellungsgespräch ungefragt erklärt, dass sie/er einer religiösen Sekte angehört oder homosexuell ist, dürfte ihr beziehungsweise ihm die ausgeschriebene Stelle schon so gut wie sicher sein, zumindest aber ein Schmerzensgeld."

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