Gesundheit Kleine Dosis, fatale Wirkung
Ist Bisphenol A giftig oder nicht? Je nach Studie und Versuchstier lautet die Antwort Ja oder Nein
Wird eine Chemikalie seit 50 Jahren zur Herstellung von Trinkflaschen und Plastikschüsseln verwendet, sollte man annehmen, dass sie gesundheitlich unbedenklich ist. In der Tat haben Forscher in unzähligen Studien untersucht, ob der Plastikrohstoff Bisphenol A giftig ist oder nicht. Doch offenbar hängt die Antwort davon ab, in wessen Auftrag die Studie durchgeführt wurde.
Zu diesem Schluss kommt Frederick vom Saal von der University of Missouri in Columbia. Er hat 115 Bisphenol-A-Studien ausgewertet. Fazit der Recherche: Bisphenol A erwies sich als ungefährlich, wann immer Forscher der Chemieindustrie die Substanz unter die Lupe nahmen. In neun von zehn Studien von Universitäts- oder Regierungsforschern bestätigte sich dagegen der Verdacht, dass Bisphenol A wie weibliche Sexualhormone (Östrogene) wirkt und den Hormonhaushalt von Mensch und Tier durcheinander bringt.
Zum Teil wurden massive Wirkungen beobachtet. Bei Mäusen, Ratten und anderen Versuchstieren hat Bisphenol A zu Missbildungen der Geschlechtsorgane, verringerter Spermienproduktion, Chromosomenschäden sowie zu Verhaltensstörungen geführt. Dass Bisphenol A gesundheitsschädigend ist, darüber braucht man nicht mehr zu spekulieren. Man muss es als erwiesen betrachten, sagt vom Saal. Die Entwarnungen aus den Labors der Chemie-Multis belegten nur: Die Industrie versteht es, Studien so zu gestalten, dass stets das herauskommt, was ihr genehm ist.
So sind Ratten vom Stamm Charles-River Sprague-Dawley ein Lieblingstier der industriellen Forschung. Ausgerechnet die sind gegen Östrogene höchst unempfindlich. Selbst wenn man diesen Tieren eine Monatsration Anti-Baby-Pillen auf einmal verabreicht, zeigen die darin enthaltenen Östrogene keine Wirkung, sagt vom Saal, ein völlig ungeeignetes Tiermodell, um hormonelle Wirkung von Chemikalien zu untersuchen.
Bei einer Jahresproduktion von über 2,2 Millionen Tonnen steht für die chemische Industrie einiges auf dem Spiel. Der Großteil davon ist Ausgangsmaterial für Polycarbonat-Kunststoffe. Daraus bestehen unter anderem Baby-, Wasser- und Milchflaschen und andere Lebensmittelbehälter sowie CDs und DVDs. Auch Epoxidharze in Klebstoffen, Lacken und Beschichtungen für Konservendosen enthalten Bisphenol A.
Das Problem ist, dass Bisphenol A aus den Kunststoffen austreten kann. Hitze und ein saurer oder alkalischer pH-Wert führen dazu, dass Bisphenol A herausgelöst wird. Das können signifikante Mengen sein, sagt der Toxikologe Walter Lichtensteiger von der Universität Zürich.
Doch was für hormonell aktive Substanzen signifikante Mengen sind, da gehen die Meinungen auseinander. Während Toxikologen und Hormonexperten betonen, dass diese Umweltöstrogene in winzigen Mengen schädlich seien, behauptet der deutsche Verband der chemischen Industrie, dass es keine Hinweise auf Niedrigstdosis-Effekte gebe.
Zwei neue Studien kommen zu einem anderen Schluss. Wissenschaftler der Yale University verabreichten Ratten einmalig Bisphenol A - in einer Menge, die unter der von der US-Umweltbehörde festgelegten Höchstmenge für Langzeitbelastungen liegt. Die Minidosis führte zu Veränderungen in einer Hirnregion, die für Lernprozesse und das Gedächtnis eine wichtige Rolle spielt. Nun veröffentlichte vom Saal eine Studie, bei der die Forscher schwangeren Mäusen während fünf Tagen Bisphenol A verfütterten - ebenfalls in Mengen unter dem Grenzwert. Die männlichen Nachkommen zeigten daraufhin Missbildungen der Prostata und eine Verengung des Harnleiters.
Niedrigstdosis-Studien sind laut Lichtensteiger notwendig, um das Risiko hormonaktiver Substanzen einzuschätzen: Bei der klassischen Prüfung werden viel höhere Mengen getestet. In sehr niedrigen Dosen können die Substanzen aber ganz andere Effekte hervorrufen - und die werden mit den herkömmlichen Tests gar nicht erfasst. Die aber bilden die Grundlage für Grenzwerte.
Auch andere Chemikalien zeigen erst in niedrigster Dosis unerwartete Wirkung.
So hat ein Pestizid in kleinsten Mengen Chromosomenschäden verursacht, die man bei höheren Konzentrationen nie gesehen hat, sagt Andreas Gies vom Umweltbundesamt. Unter Toxikologen herrsche kollektive Ratlosigkeit: Eigentlich müssen wir mit der Toxikologie wieder von vorn anfangen.
- Datum 21.01.2009 - 10:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22/2005
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