Hartz IV könne erst nach der nächsten Bundestagswahl runderneuert werden, wiegelten die maßgeblichen Politiker ab – bis vergangenen Sonntag. Denn nun kommt die Wahl der Wahlen viel schneller, als das Kartell der Auf-die-lange-Bank-Schieber erwartet hat.

Es liegt nicht an der Grundidee, dass die Reform so viel kostet und so wenig bringt. Sie vereint zwei Unterstützungssysteme für Langzeitarbeitslose, die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe. Das ist notwendig, wenn man allen, die arbeiten können, am Arbeitsmarkt auch eine Chance verschaffen will.

Das Problem: Die Hartz-Macher haben ihrer eigenen Reform nicht getraut und sie mit künstlichen Arbeitsformen garniert. Zu viele Arbeitslose wurden in Ich-AGs gelockt. Und Ein-Euro-Jobs sind vor allem Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im neuen Gewand, die Hilfsbedürftige überall hinführen, nur nicht auf den ersten Arbeitsmarkt – und die zudem reguläre Jobs zerstören.

Ihrem Konsens haben Sozial- und Christdemokraten die Vernunft geopfert. Teils kümmern sich Arbeitsagenturen um die Langzeitarbeitslosen, teils Sozialämter, sodass keine einheitliche Praxis entstehen kann. Einheitlich ist dagegen der Anreiz für die Kommunen, möglichst viele Sozialfälle ins Arbeitslosenregime hinüberzuschieben, weil dafür der Bund aufkommt. Folglich müssen sich die Vermittler, ohnehin überlastet, auch noch mit den wahrhaft Unvermittelbaren herumschlagen.

All das ist überlagert von der Empörung übers Geld. Die Opposition kritisiert die Mehrausgaben des Staates – und meint doch die des Bundes. Teils hatte sich die Regierung die Reform zwar schöngerechnet, was sich nun rächt. Aber zu den zehn Milliarden Euro Mehrkosten zählen eben auch die Mittel, die viele Bürgermeister jetzt sparen, weil sie kaum noch Sozialhilfeempfänger versorgen müssen. Dabei schert es sie kaum, dass sie auf diese Weise nicht bloß ihre Verteilungsfehde mit dem Bund führen, sondern auch die Hartz-IV-Vermittler behindern.

Die Politiker beider Seiten haben die Langzeitarbeitslosen in ein fehlerhaftes System gedrängt – und dieses unter riesigen Erwartungsdruck gesetzt. Wer heute die "Erfolge am Arbeitsmarkt" vermisst, ist das Opfer falscher Hoffnungen. Die Vermittler müssen on the job lernen, die Arbeitgeber dem neuen System vertrauen lernen, sodass Hartz IV selbst in einem allgemeinen Aufschwung nur langsam greift – dafür aber langfristig bewirken kann, dass weniger Menschen in die Arbeitslosigkeit fallen und dort über Jahre oder Jahrzehnte verweilen.

Damit das nicht noch länger dauert als notwendig, muss die Große Hartz-Koalition die sichtbaren Fehler schnellstens korrigieren. Gut also, dass die Wahl nun ansteht. Danach gibt es dann keine Entschuldigung mehr.