Besser sei, hat Müller am Telefon gesagt, er komme mal schnell persönlich nach unten, dann könne nichts schief gehen. Den Herrn Müller von oben kennen die Aufpasser am Eingang, und wenn Müller einen fremden Besucher durch die Pforte schleust, muss der Besucher in Ordnung sein, weil ja auch Müller in Ordnung ist, ganz einfach. »Alles nicht mehr so einfach«, sagt Ludwig Müller. Ein paar Mal haben sich Kunden vor der Arbeitsagentur Saarbrücken geprügelt, einer hat ein Messer aus seiner Manteltasche gezogen. Das war Anfang Januar. Es waren die Tage, an denen der Arbeitsvermittler Müller zu spüren begann, wie sich Hartz IV auswirkt. »Herr Müller«, sagte später eine Kundin, »werfen Sie eine Bombe in diesen Laden, und gehen Sie vorher raus!« Am Eingang des fünfstöckigen Gebäudes stehen nun immer Sicherheitsleute, die Besucher nach Waffen abtasten. Neulich hat ein durchgeknallter Arbeitsloser einen dieser Aufpasser zusammengeschlagen. Das Wort »Kunde« klingt seither noch absurder als früher.

»Kommen Sie«, sagt Müller, »Frau Doktor Horberg wartet bestimmt schon.« Er steigt ein paar Treppen hoch und läuft einen hellen Flur entlang. Ein kleinwüchsiger Mann von 55 Jahren, grauer Haarkranz, ovale Brillengläser, ein schweres braunes Tweedjacket. Er geht schnurgerade und mit eiligen Schritten, seine Schultern schwingen rhythmisch hin und her. Sieht man Müller von weitem, glaubt man, Norbert Blüm müsse einen jüngeren Bruder haben. Dieser Müller ist vielen bekannt und dennoch ein Rätsel. Er traut sich, sehr unmodern zu sein. Es scheint, als sei er sogar stolz darauf. Kollegen gaben ihm den Spitznamen »ABM-Müller«. Das hört sich spöttisch an, aber es war als Auszeichnung gemeint.

»Jetzt wollen wir mal«, sagt Müller und öffnet die Tür, »bitte, Frau Doktor Horberg, setzen Sie sich.« In seinem Dialekt klingt eine gedämpfte Melodie durch, Frankreich ist hier sehr nah, und die erdschweren deutschen Töne lockern sich durch die herübergewehte Leichtigkeit. Bei Müller hört sich das immer an, als könne das Leben niemals ein schlechtes Ende nehmen, wenn er nur erst gesagt hat: »Nun setzen Sie sich mal!«

Elisabeth Horberg (Namen aller Arbeitslosen geändert) weiß nicht, wo sie anfangen soll, so viel ist durcheinander geraten. Ludwig Müller verschränkt die Arme vor dem Bauch und schweigt. Seit fünf Jahren ist Frau Horberg ohne Arbeit, sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, hat einen Doktortitel in Vor- und Frühgeschichte. »Man nimmt mich nicht ernst«, sagt sie, »es hat keinen Sinn.« Ihren Titel verschweige sie bei Bewerbungen, weil sich ein Doktor ganz schlecht mache, wenn man sich darum bemühe, Kisten stapeln zu dürfen. Aldi, Lidl, McDonald’s, sagt sie, »alles habe ich probiert. Die nehmen mich nicht.« Müller nickt freundlich. »Studium«, sagt Frau Horberg, »wenn ich ›Studium‹ sage, ist es vorbei.« – »Sie sind 42 Jahre alt«, habe einer von Aldi zu ihr gesagt, »tut mir leid, Sie können keine Paletten mehr heben.«

Niemanden will Müller verletzen, deshalb darf er nicht unaufmerksam werden, nur selten mischt er sich ein. Dabei sind solche Geschichten in Müllers Büro in tausend Varianten schon tausend Mal erzählt worden. Für Geisteswissenschaftler, Biologen, Geologen, Juristen, Lehrer und Künstler ist er zuständig, 750 Namen stehen in seiner Computerdatei. Müller kennt sie fast alle persönlich, er ist eine Institution. »Geh zum Müller«, sagen arbeitslose Akademiker im Saarland und meinen damit nicht ihren Ministerpräsidenten Peter Müller.

»Ich fühle mich so veräppelt, ’tschuldigung, so verarscht«

Fragt man den Arbeitsvermittler Müller, wo er denn die Stellenangebote für seine Kundschaft aufbewahre, dann wendet er sich vom Schreibtisch ab, bückt sich und schließt einen niedrigen Aktenschrank auf, holt eine speckige Plastikbox mit kleinen Karteikarten heraus und sagt: »Mal zählen. Drei. Vier. Fünf. Fünf Stellen in der Umgebung. Zwei habe ich gerade vergeben. Bleiben drei.« Deswegen liegen auch keine Bewerbungsmappen von Arbeitslosen mehr in Müllers Schränken. Diese Mappen sollen bei ihm nicht dasselbe Gefühl auslösen wie ein Stoß Werbung zu Hause im Briefkasten.

»Wir können doch nicht alle Mappen zurückschicken«, hörte Frau Horberg Sekretärinnen am Telefon sagen, »wo denken Sie hin?« Wohl hundert Mal hat sie ihren Lebenslauf in ein großes schwarzes Loch gesteckt.

Mit ihrem Eberhard, sagt Elisabeth Horberg, werde es unerträglich. Müller nickt, auch der Eberhard ist bei ihm Kunde. Der Eberhard brülle oft herum, »ich kann nicht mehr schlafen«, sagt Elisabeth Horberg, »unsere Ehe geht kaputt«. Der Eberhard ist Archäologe, spricht sehr gut französisch, aber auch die Franzosen wollen ihn nicht. Er wirft seiner Frau vor, dass sie nie gearbeitet habe seit ihrer Promotion, er selbst brachte es auf ein Jahr. Der 15-jährige Sohn, der Markus, und wieder nickt Müller wissend, wolle jetzt von der Schule abgehen und Gebrauchtwagenhändler werden, und als seine Mutter auf den Jungen einredete, er brauche doch Bildung, da habe der Junge geantwortet: »Mama, Bildung? Man sieht ja, was aus dir geworden ist.« Wie versteinert sitzt sie da.

Ludwig Müller hat ihr schon eine Bildungsmaßnahme besorgt, beim Hörfunk, später hat es als Aushilfe in einem Archäologiepark geklappt. »Den haben wir seit Jahrzehnten gesponsert«, sagt Müller, »jetzt geht das nicht mehr.«

Bisher gab es bei Müller eigentlich immer was. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Strukturanpassungsmaßnahmen, ABM und SAM, Fort- und Weiterbildungskurse, FBW, Eingliederungszuschüsse, EGZ, Lohnkostenzuschüsse, Müller kennt sich da aus. Aber die Zeiten haben sich geändert. Hartz IV. Die allermeisten Maßnahmen sind gestrichen. Der Sozialstaat soll Arbeitslose nicht länger durchfüttern, er soll sie aufrütteln. Er soll sie befreien aus einem Gefängnis, das ihnen wie eine beschützte Werkstatt vorkam. Hat Müller einen Fehler gemacht?

Frau Horberg will demnächst als freiberufliche Wissenschaftsjournalistin arbeiten, aber weil sie nie eine richtige Stelle hatte und deshalb nie in die Arbeitslosenversicherung einzahlte, darf Müller ihr für den Berufseinstieg kein Geld geben, keinen Kurs bezahlen, nichts. »Ich würde Ihnen gerne helfen«, sagt er, »aber diejenigen, die es am nötigsten haben, darf ich nicht mehr fördern.« – »Ich fühle mich so veräppelt«, sagt Elisabeth Horberg, »’tschuldigung, Herr Müller, so verarscht.« Müller schaut traurig über den Rand seiner Brillengläser, keiner sagt mehr was, es gibt nichts mehr zu sagen. Damit er etwas tun kann, tippt Müller fahrig auf den Tasten seines Computers herum. »Was macht eigentlich der Peter?«, fragt Frau Horberg. Müller schaut auf seinen Monitor und sagt: »Der kriegt vielleicht ein Stipendium.« »Morgen komme ich noch mal kurz vorbei«, sagt Elisabeth Horberg, streift ihre Jacke über und geht. Nie war sie glücklich, wenn sie Müllers Büro verließ, aber immer ein bisschen weniger unglücklich.