Arbeitslosigkeit Der gute MüllerSeite 6/6
»Herr Müller, Sie sind die alte Welt«, hat neulich ein Kollege in der Agentur gemäkelt. Der Wind hat sich gedreht, Menschen werden klassifiziert, heißen neuerdings »Marktkunden«, wenn der Arbeitsmarkt sie aufnimmt, oder »Beratungskunden«, wenn der Markt sich weigert, oder »Betreuungskunden«, wenn für sie kein Markt mehr existiert. Marktkunden sollen nicht mehr als 15 Minuten ihren Arbeitsvermittler beschäftigen, plus 15 Minuten für Nachbearbeitung, Beratungskunden 30 Minuten, Betreuungskunden 15. Unter diesem Druck ist ein Kollege auf Müllers Büroflur vor ein paar Wochen zusammengebrochen, Kreislaufkollaps, und viele Kundennamen aus dessen Computer sind zu Müller herübergeschoben worden. Jetzt fühlt sich auch Müller am Ende seiner Kräfte, sein Kollege wird wohl nicht ins Nachbarbüro zurückkehren, es geht ihm zu schlecht.
Bald will Müller aufhören, eher als geplant. Über seinen Antrag auf Altersteilzeit hat er im Personalbüro schon gesprochen. Nach wie vor strömen Langzeitarbeitslose in Müllers Büro, obwohl er für sie nicht mehr zuständig ist. Seit Hartz IV begonnen hat, sind die Aufgaben in der Agentur neu verteilt. Ludwig Müller hat sich auf die Empfänger von Arbeitslosengeld I zu konzentrieren, die leichteren Fälle, Menschen, die meist weniger als ein Jahr ohne Job sind. Die schwierigen Fälle bekleckern die Leistungsbilanz der Agenturen, die Schwierigen will keiner mehr haben. Warum sich noch um einen angegrauten, arbeitslosen Historiker bemühen, wenn es einem niemand mehr dankt? So denken einige, Müller denkt so nicht.
Für wen Müller neuerdings zuständig ist, schert die Langzeitarbeitslosen nicht, sie halten sich weiterhin an ihn, als sei nichts geschehen, und Müllers Büro steht ihnen offen. »Pass auf, Ludwig«, warnte ihn neulich ein besorgter Kollege. Der Chef der Saarbrücker Arbeitsagentur hat Müller schon ausrichten lassen, dass ihm eine Abmahnung drohe, falls er sich weiterhin um die falschen Menschen kümmern sollte. Das war die gelbe Karte, der Typus Müller ist nicht mehr erwünscht.
Es wird schon dunkel vor dem Fenster, als Müller sein Büro abschließt und die Treppen hinunterläuft. In der Tiefgarage steht nur noch Müllers silbergrauer Peugeot. Mit seinem Auto fährt er im Urlaub bis zur portugiesischen Küste. Zwei, drei Tage hinter dem Steuer machen Müller wenig aus. Vom Fahrersitz aus verfolgt er neugierig, wie Fichtenwälder zu baumlosen Hochebenen zerfließen, und am Ende der Reise rinnt die Welt in ein stahlblaues Meer. Müller genießt es, wenn sich alles sanft zum Guten wendet. Er möchte nur dabei sein, wenn es geschieht.
Drüben, im Kino, sagt Müller, laufe wieder etwas über Arbeitslose. Er zieht sein Portemonnaie heraus, eine Karte hat er sich schon besorgt. Im Portemonnaie steckt auch ein Lottoschein. Seltsam, eigentlich passt Lotto überhaupt nicht zu Ludwig Müller. Schließlich hat er sich sein Leben lang geweigert, dem Zufallsprinzip etwas abzugewinnen. Aber diese Haltung gibt er neuerdings auf, sobald ein Jackpot anschwillt, und diesmal stehen 21 Millionen Euro auf dem Spiel. »Wenn ich gewinne«, sagt er, »soll mir Hartz IV egal sein. Dann kaufe ich mir ein eigenes Theater und stelle sie alle ein.« In diesen Gedanken kann er sich richtig verlieben. Ein Theater nur für Müllers Leute. Natürlich würde in diesem Schauspielhaus jeder seine eigene Rolle kriegen, ein Lebenstraum würde wahr. ABM. Arbeitsbeschaffung Müller.
Nach der Ziehung der Lottozahlen am Samstagabend steht fest, dass Hans-Ludwig Müller aus 66583 Spiesen-Elversberg im Saarland tatsächlich gewonnen hat. Am Montag, sofort nach dem Dienst, lässt sich Müller im Lottoladen an der Eisenbahnstraße seinen Gewinn bar auszahlen, acht Euro und siebzig Cent. Ludwig Müller wird weiterspielen.
- Datum 07.09.2006 - 05:15 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.05.2005 Nr.22
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