Dreiundsechzig Jahre alt ist Joseph Haydn, als er aus London zurückkehrt, umfunkelt von Triumphen. Der Mann, der drei Jahrzehnte lang auf dem abgelegenen Schloss Esterháza gedient und schließlich in der einöde, verlassen - wie ein armer waiss, gesessen hatte, ist in London zum Star geworden. Er hat dort in drei Jahren so viel verdient wie zuvor in zwanzig Jahren, sich in eine junge Pianistin verliebt, Verträge für die Zukunft gemacht. In Wien, wo er sich nun niederlässt, feiert man den Komponisten. Er kann machen, was er will, und ganz bei sich ist er in dem Genre, das er vormals selbst entwickelt hat, dem Streichquartett. Die Quartette, die bald als opus 76 entstehen, strotzen von Spielchen, Überraschungen, Frechheiten, Schönheiten, ohne dabei zu zerbrechen. Jedes der sechs Werke ist eine Persönlichkeit.

Das zweite beginnt mit Quinten: a, d, e, a. Ein riskant schlichter Themenstart in halben Noten, aber zum Gag verkommt er nicht. Eher hört man etwas elegant Umfassendes, das Originelle gibt sich selbstverständlich, und die Raffinesse, mit der Haydn sein Motiv überall vorkommen lässt, wirkt mühelos. Es ist nicht leicht, diese Musik so zu spielen, dass in aller Eleganz der Eigensinn deutlich bleibt, das Noch-nicht-Dagewesene - die kleinen Synkopen, die zu einem Akzent hin schwellen wie auf einem rückwärts gespielten Tonband, oder Schnitte wie der von einem gemeinsamen erschöpften Seufzer zu anfallsartiger, fast besinnungsloser Aktivität. Dem Gewandhaus-Quartett gelingt das. Die vier Leipziger, die zuletzt mit einer aufregenden Beethoven-Gesamteinspielung Maßstäbe setzten, sind auch Haydn gewachsen.

Drei Werke aus opus 76 haben sie eingespielt. Durchweg genießt man ihre souveräne Technik, die nie auf Brillanz, sondern auf Klarheit zielt. Im krampflos homogenen Ensembleklang ist der Geiger Frank-Michael Erben auch bei virtuosen Partien mehr Partner als Primarius. Und Cellist Jürnjakob Timm hat die Freiheit, bei seinen Soli eben nicht in den Vordergrund zu schwelgen, sondern die Lyrik der Linien zu erforschen. Uneitle Typen allesamt, die hier erneut belegen: Orchestermusiker können bessere Kammermusiker sein als mancher puristische Vierer, der nur Quartette spielt. Ernste Typen außerdem, die Haydn nicht gleich humorig finden, wenn er Stilgrenzen überschreitet. Die schweren, folkloristischen Bordunklänge im Allegro von 76/3 sind, was sie sind: starkes Material - und keineswegs ein herablassendes Zitat.

Haydn bleibt das entsetzliche Schmunzeln erspart, das Generationen ihm andichteten. Allenfalls lächelt er mal gefährlich, wenn im Trio von 76/2 d-Moll renaissancemäßig zu D-Dur umschlägt oder im Finale von 76/4 die erste Geige in einer Endlosschleife zu verhungern droht. An solchen Rändern sind die Leipziger spannender als in der bruchlosen Schönheit der langsamen Sätze.

Das Adagio in 76/3 (dessen Thema man als deutsche Nationalhymne kennt) wird mit Legato und Vibrato verdickt, anstatt es artikuliert aus dem Nebel der Historie zu retten. Umso anrührender, wie im triolendurchrasten Finale eine kleine Des-Dur-Insel der Zärtlichkeit entsteht. Man muss nicht, aber man darf da auch Haydn sehen, wie er in London zwischen zwei Terminen seine Rebecca besucht.

Haydn, Streichquartette op.76 Nr. 2-4

NCA 60148-210/Membran International