Als am vergangenen Sonntag die Resultate der Landtagswahl in NRW verlesen wurden, saß Hans Robert Schöler, Experte für embryonale Stammzellen, mit zwiespältigen Gefühlen vor dem Fernseher. Denn der Direktor am Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster ist einer der wichtigsten wissenschaftlichen Berater der Union in Sachen Biotechnik. In dieser Funktion hätte er das Ergebnis gutheißen können.

Aber zugleich bedeutet der Sieg seiner christdemokratischen Mandantschaft, der Wahlerfolg von Jürgen Rüttgers, ein Debakel für seine Wissenschaft. Das Bundesland wird fortan schwarz regiert. Und anders als der abgewählte Peer Steinbrück hat der neue Ministerpräsident in der Vergangenheit des Öfteren öffentlich klargemacht, was er von der Stammzellforschung, dem therapeutischen Klonen und von Schölers Zunft hält: nicht viel.

Seit Tagen muss Schöler zudem Reportern gegenüber die Forschungserfolge seiner ausländischen Kollegen kommentieren. Südkoreanische Wissenschaftler hatten am Freitag im Wissenschaftsmagazin Science vermeldet, ihnen sei das Klonen von menschlichen Embryonen gelungen, mit denen sie dann elf embryonale Zelllinien (ES-Zellen) gewinnen konnten. Diese sind genetisch identisch mit elf schwer kranken Patienten. Zum ersten Mal war damit bewiesen, dass patientenspezifisches therapeutisches Klonen prinzipiell möglich ist. Bei Schöler stand das Telefon nicht mehr still. Als spätabends die Anrufe endlich abebbten, sei er "praktisch hirntot gewesen".

Der Freitag wird in die Annalen der biotechnischen Forschung eingehen. Denn der Meldung aus Südkorea folgt eine zweite aus Großbritannien. Auch dort sind an der Universität von Newcastle, unter Beteiligung des deutschen Staatsbürgers Miodrag Stojkovic, erstmals in Europa mehrere menschliche Embryonen geklont worden. Sie waren jedoch nicht gesund. Bevor die Forscher Stammzellen aus ihnen gewinnen konnten, starben sie – der letzte fünf Tage nach der Laborzeugung.

Obendrein machte auch noch der Bundeskanzler Schlagzeilen. Mehrere Zeitungen berichteten am Samstag, Gerhard Schröder hege "konkretere Pläne für einen biopolitischen Kurswechsel". Im Falle einer Wiederwahl – die Rede war da noch vom Jahr 2006 – solle die Forschung an embryonalen Stammzellen weitgehend freigegeben werden. Damit wäre Schröder einig mit den zuständigen Fachministern. Auch Müntefering sei hinsichtlich der Klonforschung offen, "weiterzugehen". Kirchenvertreter und die Opposition äußerten umgehend ihr Entsetzen über die Kunde aus dem Kanzleramt. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats hingegen, Spiros Simitis, stimmte dem Ansinnen zu, die Debatte neu aufzurollen: "Entwicklungen wie in Südkorea zwingen dazu, das Thema immer wieder auf die Tagesordnung zu setzen."

Doch nun sieht alles anders aus. Von September an könnte die CDU auch im Bund regieren. Damit würden sich allerdings die Aussichten auf eine Lockerung der bestehenden Gesetze verschlechtern: In Deutschland darf zwar an Stammzellen geforscht werden, aber nur an veralteten "Restposten", die vor dem 1. Januar 2002 hergestellt worden sind. Diese Zellen sind für Grundlagenforschung zwar begrenzt tauglich, für medizinische Zwecke aber gänzlich ungeeignet.

Damit droht Deutschland endgültig ins Hintertreffen zu geraten. Die Erfolge der asiatischen Klonlabors verdeutlichen den Wissenschaftlern, dass sie nicht nur den Aufstieg in die Champions League der Biotechnik verpasst haben, sondern Gefahr laufen, gleichsam in die Regionalliga durchgereicht zu werden. Die Schuldigen orten sie, nicht zu Unrecht, in der Politik. Denn bei Experimenten, wie sie der Koreaner Hwang Woo Suk nun präsentierte, drohen ihnen nach dem vom Bundestag Anfang 2002 verabschiedeten Stammzellgesetz mehrjährige Haftstrafen.

Mittlerweile ist zudem offensichtlich, dass die von biopolitischen Hardlinern im Bundestag verordnete Schwerpunktbildung bei der Erforschung ethisch unbedenklicher adulter Stammzellen eine Fehlentscheidung war. So war die deutsche Forschung niemals führend im Bereich der adulten, also auch in erwachsenen Organen vorhandenen Stammzellen. Vor allem aber ist die Heilkraft dieser Zellen entgegen den Warnungen vieler Experten massiv überschätzt worden.