Vergangene Woche passte es schlecht. Da kämpfte Susan A. Greenfield gegen die Bildungsmisere in Brasilien. Mittwoch geht auch nicht – Dinner in New York. Und nächste Woche? Ein Symposium in Jordanien. Königin Noor al-Hussein hat eingeladen. Nichts zu machen, sorry. Nur am Montagmorgen wäre noch eine Lücke frei. 7.45 Uhr, Flughafen London-Heathrow, am First-Class-Schalter der British Airways. "Da hätte ich über eine Stunde Zeit", sagt die tiefe Stimme am Telefon. "Hoffentlich sind Sie ein Morgenmensch."

Sollte man sein. Wenn man die berühmteste Wissenschaftlerin Großbritanniens trifft, kann es passieren, dass man bereits nach 25 Minuten die Zukunft des menschlichen Gehirns diskutiert hat, über Miniröcke von Prada, den Weltfrieden, Terrorismus, Feminismus, Männer-Sandalen und die demokratische Revolution in der Wissenschaft. Die 54-jährige Hirnforscherin denkt und spricht mit atemberaubender Geschwindigkeit. Ein steter Strom von Thesen, Anekdoten und klassischen Zitaten. Nach einem Tag mit ihr fühlte sich ein Reporter des Sunday Times Magazine "wie ein Fiat Punto neben einem Ferrari".

"Schmeckt Ihr Kaffee eigentlich auch so scheußlich?", fragt Greenfield und springt auf, um im Airport-Café eine Flasche Mineralwasser zu besorgen ("Zum Ausspülen"). Eine halbe Minute später ist sie wieder da. Mit ihrem wehenden blonden Pferdeschwanz, den eng anliegenden Designerjeans und ihren Leder-Boots sieht die Oxford-Professorin auf den ersten Blick wie eine ihrer Studentinnen aus.

Seit 1994 ist sie ein Star. Damals hielt sie – als erste Frau nach 165 Jahren – die traditionelle Weihnachtsvorlesung der Royal Institution. Greenfield lud ein zu einer faszinierenden Rundreise durch das menschliche Gehirn. Man lernte, dass Nervensignale mit Tempo 360 im Schädel herumsausen und dass die neuronalen Verschaltungen im Hirn so zahlreich und vielfältig sind wie die Blätter im Dschungel des Amazonas. Die BBC übertrug live. Seither erkennt man sie im Supermarkt.

Die Liste ihrer Erfolge, Ämter und Ehrungen ist lang: Direktorin der Royal Institution – als erste Frau überhaupt; Mitglied im britischen House of Lords; Orden der französischen Ehrenlegion; Gründerin von vier Bio-Tech-Start-ups; Autorin von acht Bestsellern über das Gehirn und 170 Fachaufsätzen. Ihre Entdeckung der besonderen Rolle, die das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) bei der Zerstörung von Zellen spielt, gilt als wichtiger Ansatz zur Bekämpfung von Hirnkrankheiten wie Alzheimer oder Parkinson. Der britische TV-Sender Channel 4, der im Juni einen Wissenschaftler-Wettbewerb à la Deutschland sucht den Superstar veranstaltet, erklärt das Prinzip seiner Show famelab mit "Wir suchen die nächste Susan Greenfield". Auf dem World Economic Forum im Februar in Davos hielt sie vor der internationalen Finanz- und Polit-Elite fünf Vorträge in drei Tagen. Das Magazin Harpers&Queens führt sie in der Liste der "50 inspirierendsten Frauen der Welt" auf Platz 14. "Nun ja", meint Greenfield, "Dolly Parton liegt auf Platz 9."

Das "Weib im Minirock" liebt den Kampf mit offenem Visier

Als Greenfield 1998 zur Direktorin der Royal Institution berufen wird, verkündet sie öffentlich ihren Traum: dass die Menschen zu wissenschaftlichen Symposien gehen wie zu einem Kino- oder Theaterbesuch. Die 200 Jahre alte Royal Institution, ein fächerübergreifendes Lehr- und Forschungszentrum, hat sich der Devise "Wissenschaft fürs Volk" verschrieben. Gerade richtet Greenfield dort einen "Science Salon" ein, in dem sich Wissenschaft, Kunst, Politik, Wirtschaft und Popkultur begegnen sollen. Ob Klima, Reproduktion oder Genfood – die Wissenschaft, verlangt sie, müsse allen Menschen offen stehen und helfen, die wichtigen Fragen der Zeit zu beantworten.

"Noch immer herrscht der Glaube, der Wissenschaftler sollte in völliger Abgeschiedenheit forschen und darüber Fachaufsätze in Fachzeitschriften für Fachleute veröffentlichen", sagt Greenfield. "Ich halte das für eine extrem selbstsüchtige Sicht. Unsere Arbeit wird vom Steuerzahler finanziert; wir müssen ihm auch erklären, was wir tun." Als "Thinker in residence" ("Klingt wunderbar, nicht?") lebte sie einige Monate lang an der Universität Adelaide, Australien. "Dort werden Tage der offenen Tür veranstaltet, an denen jeder Vorträge hören oder Experimente beobachten kann. Lehrer und Wissenschaftler treffen sich regelmäßig und besprechen, wie man aktuelle Forschungsergebnisse in den Schulunterricht einbezieht. Leider sind hierzulande die meisten Wissenschaftler zu arrogant für einen solchen Dialog. Angeblich nimmt das zu viel Zeit für die Forschung weg."