Hirnforschung Denken mit TurboSeite 3/3

Als Tochter eines jüdischen Elektrikers und einer protestantischen Tänzerin wurde Susan Greenfield betont säkular erzogen. »Ich durfte nicht einmal zu den Pfadfinderinnen.« Eine Zeit lang trug sie als junges Mädchen eine Kette mit einem Kreuz und einem Davidstern um den Hals. Man kann nie wissen. »Ich bin kein religiöser Mensch. Aber der Glauben verleiht vielen ein Gefühl von Souveränität und Sinn. Es wäre arrogant, das als Wissenschaftler nicht zu respektieren. Gerade jetzt.«

In ihrem jüngsten Buch Tomorrow’s People spekuliert Greenfield darüber, wie fundamental die Technologie des 21. Jahrhunderts das Denken und Fühlen des Menschen verändern könnte. Sie entwirft das Szenario einer Menschheit, die eine maßgeschneiderte, beinahe unsichtbare Technologie in einen Zustand permanenter Sinnenreize entführt; diese Welt ist voller virtueller Gefährten und digitaler Diener. Greenfield beschreibt die Verschmelzung von künstlichen und natürlichen Kreisläufen im Gehirn; die Entwicklung von Designermolekülen, mit denen wir unsere Persönlichkeit verändern: Lifestyle-Neutrozeutika für mehr Sex-Appeal, höheren IQ und dauerhaft gute Laune. »Das menschliche Gehirn ist keine unantastbare Größe mehr. Wir halten den Schlüssel zur Veränderung des Bewusstseins, zur Erosion des Individuums in der Hand.«

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Vor vielen Jahren nahm Susan Greenfield zum ersten Mal ein menschliches Gehirn zur Untersuchung aus einer Plastikbox. Ein graues schwabbeliges Etwas, das nach Formaldehyd stank. »Ich dachte: Das war also ein Mensch«, erzählt sie. »Und ich fragte mich, ob das, was man hinterher unter den Fingernägeln hat, vielleicht der Sitz einer ganz besonderen, einzigartigen Erinnerung war.«

Neun Uhr vorbei. Susan Greenfield eilt in die Abflughalle. Brasilien, Australien, Israel, wohin auch immer. Sie wird überall gebraucht. Aus ihrer Handtasche blitzen der New Scientist und die britische Vogue. Als sie in der Schleuse verschwunden ist, erscheint der Flughafen plötzlich sehr still.



Der Mensch ...
Susan A. Greenfield, 1950 in London geboren, besuchte ein althumanistisches Mädchen-gymnasium, studierte zunächst Psychologie in Oxford und sattelte dann um auf Pharmakologie, Bereich Neurowissenschaft. Die Universität Oxford berief sie 1996 zur Professorin für Pharmakologie. Seit 1998 ist sie zudem Direktorin der Royal Institution. Greenfield schrieb Bücher über Hirnforschung, erstellte Doku-Serien für die BBC. Der inzwischen zur Baroness geadelte Medienstar sitzt seit dem Jahr 2000 im britischen House of Lords.

... und seine Idee
Susan Greenfields große Leidenschaft gilt dem Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit und der Popularisierung der Wissenschaft. Damit Bürger bei ethischen Grundsatzfragen entscheiden können, müssten Wissenschaftler für Transparenz ihrer Arbeit sorgen. Die Erfolge der Forschung sollen die Welt zu einem besseren Ort machen; das ist ihr Motto. Ihre Befürchtung: Unkontrollierter Fortschritt in Neuroforschung und Pharmazie eröffnen Manipulationsmöglichkeiten, die letztlich die persönliche Individualität zerstören könnten.

 
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