Der Mann ist ständig in Bewegung. Unentwegt wippt das rechte Bein von Pascal Lamy hin und her, so als ob er Frage und Antwort, Argument und Gegenargument noch schneller über den Schreibtisch jagen will. Dann verschränkt der drahtige Mann seine schlanken Finger, beugt den Kopf, lehnt sich nach hinten und blickt auf die kalte, halb gerauchte kubanische Zigarre. Er weiß, am 26. Mai wird er wohl zum Generalsekretär der Genfer Welthandelsorganisation (WTO) gewählt. Und er weiß, dass von seinem Geschick viel abhängen wird: Er muss versuchen, die Spielregeln des Welthandels auszutarieren. Davon, ob ihm das gelingt, hängt die Zukunft der Globalisierung ab. Er sagt: "Es wird schwer."

Doch Lamy redet gar nicht über den Handel. In diesen Tagen bewegt den 57-Jährigen ein ganz anderes Problem. Der Mann ist schließlich Franzose, ehemaliger EU-Handelskommissar und überzeugter Europäer. Als solcher will er seine Mitbürger unbedingt vom Nutzen der EU-Verfassung überzeugen. Beim Referendum am kommenden Sonntag müssen die einfach mit einem klaren Ja für Europa stimmen. Dafür schreibt er in seinem Büro in der Pariser Stiftung Notre Europe Flugblätter, hält Vorträge und reist quer durchs Land – und spürt doch bei allen Debatten immer wieder: Es wird schwer. Ein Bestseller ist Europa gerade in diesen Tagen nicht. Im Gegenteil. "Leider kann man die EU nicht erklären, ohne die Worte "Liberalisierung" und "Kompromiss" in den Mund zu nehmen", klagt er. Doch beide Stichworte kämen in Frankreich gar nicht gut an.

"Liberalisierung und Kompromiss" – dieses Motto könnte sich Lamy auch über den Türrahmen seines künftigen Genfer Büros hängen. Lamy soll die Liberalisierung der Märkte vorantreiben – in einer Zeit, in der deren Folgen nicht nur in Frankreich Furcht erregen. In den Industrienationen sorgen sich die Arbeitnehmer wegen der billigeren Konkurrenz der Entwicklungsländer. Er kann nur einen guten Job machen, wenn alle Mitgliedsstaaten zu gewaltigen Kompromissen bereit sind: Europäer und Amerikaner müssen ihre absurd hohen Agrarsubventionen reduzieren. Die Schwellenländer ihre Märkte für die Waren der ganz armen Länder öffnen. Und die Ärmsten müssen sich wahrscheinlich mit weniger Marktzugang, als sie jetzt fordern, zufrieden geben. Dass all dies gelingt, ist alles andere als sicher. Im Gegenteil.

"Wo der Handel blüht, marschieren keine Armeen." Das treibt Lamy an

"Ziemlich verzweifelt" müsse jemand sein, um den WTO-Job haben zu wollen, sagte der ehemalige kanadische Handelsminister Sergio Marchi kürzlich. Warum also bewirbt sich jemand nach einer erfolgreichen Karriere in der EU-Kommission, davon fünf Jahre als hoch geachteter Handelskommissar, freiwillig auf einen solchen Job? Noch dazu bei einer Institution, deren Organisation er einst "mittelalterlich" nannte? Eigentlich könnte sich Lamy mit einer guten Pension zur Ruhe setzen. Er könnte als Chef der honorigen Stiftung Notre Europe die Lage seines Büros ganz in der Nähe der Pariser Oper genießen, angeregte Debatten mit seinen motivierten, jungen Mitarbeitern führen und Vorträge halten. Was treibt ihn also nach Genf? Ist es nur die übliche Machtversessenheit, die Sucht nach den Scheinwerfern, die Unfähigkeit zu gehen und sich endlich einmal gehen zu lassen? Lamy hat über solche Fragen nachgedacht.

In seinem Büro hängen die Bilder, die ihn mit den Mächtigen der Welt zeigen: Bush senior und er. Clinton. Mitterrand. Natürlich schätzt er ihre Bekanntschaft und wahrscheinlich auch das Dazugehören zum Club der Wichtigen – sonst würde er die nächtelangen Konferenzen, die Arbeitstage ohne Feierabend, die Wochenenden ohne Freizeit wohl nicht in Kauf nehmen. Dennoch hält er sich für ausreichend geimpft, um davon nicht abhängig zu werden. Schon zu Beginn seiner Karriere, die früh als Berater des damaligen französischen Wirtschaftsministers und späteren EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors begann, hat er bei anderen die Sucht nach der Droge Öffentlichkeit beobachten können. Und er hat den tiefen Fall beim Entzug gesehen, die Enttäuschung, wenn die Zeitungen plötzlich nicht mehr über einen berichten.

Lamy treibt etwas anderes nach Genf. Denn viele Annehmlichkeiten der Mächtigen könnte er problemlos auf einem gut dotierten Posten in der Wirtschaft genießen. In den neunziger Jahren hat er das als Chef der französischen Großbank Crédit Lyonnais sogar eine Weile versucht. Doch ihn reizt der service public, das Dienen für eine gute öffentliche Sache mehr. Und die WTO ist für ihn den Einsatz wert. "Wo der Handel blüht, marschieren keine Armeen", sagte Lamy einmal im ZEIT- Interview, und es klingt aus seinem Mund nicht peinlich, wenn er in großen Worten vom Nutzen des Welthandels spricht. Lamy glaubt nämlich wirklich daran, dass gerechter Handel den Wohlstand aller und damit auch den der Armen mehrt. Er will dafür aber allgemeingültige Regeln, weil sonst die Starken den Schwachen ihre Konditionen diktieren. Und er glaubt daran, dass sich Fairness nur in einem multilateralen System durchsetzten lässt, mit Hilfe einer verbesserten, erneuerten WTO. Also demnächst wohl unter seiner Regie.