Ihrer psychologischen Wirkung nach trug die Geschichte der RAF Züge eines deutschen 11. September – mit dem Unterschied, dass dieser Angriff aus der Mitte der eigenen Gesellschaft kam. Das ist vielleicht der Grund, warum er uns bis heute derart beschäftigt.

Die zentrale Figur dieser Geschichte dürfte, mehr als das gängige "Baader-Meinhof"-Label suggeriert, Gudrun Ensslin gewesen sein. In den eben veröffentlichten Briefen aus den ersten Gefängnisjahren 1972 bis 1973 an ihre Geschwister Christiane und Gottlieb tritt sie in ihrer ganzen charismatischen und "familienpsychologischen" Stärke hervor, mit der sie zuvor den Formationsprozess der Gruppe vorangetrieben hatte. Sie war es ja, die aus dem Dandy Baader erst jenen "Kapitän Ahab" geschnitzt hatte, der das Schiff in den Untergang steuerte. Aber zugleich sehen wir sie auch als die Erfinderin der "Vernichtungshaft", um die die ganze weitere Unheilsgeschichte der RAF kreisen sollte. Und wir hören schon die existenzialistische Kassibersprache der späteren Haftjahre, deren literarische Spuren und Muster sich bis in ihre frühen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe der sechziger Jahre zurückverfolgen lassen.

Die biografische Entwicklungslinie der Gudrun Ensslin nimmt durch drei Neuerscheinungen dieses Frühjahrs noch einmal schärfere Konturen an. Michael Kapellen hat in einem Büchlein über die Tübinger Jahre (1961 bis 1964) Bernward Vespers, des ersten Lebensgefährten Gudrun Ensslins, weitere interessante Texte, Indizien und Berichte aus dieser frühen formativen Phase zutage gefördert. Der Titel Doppelt leben verweist auf die eigentümlich gespaltene Existenzweise der beiden. Nicht nur, weil die Schreib- und Verlagsprojekte Vespers unvermittelt zwischen rechten und linken Orientierungen, zwischen dem neuromantischen Kitsch des völkischen Dichter-Vaters Will Vesper und den experimentellen Texten der Zeitgenossen, wild hin und her sprangen. Hinter der Fassade einer bürgerlichen Wohlanständigkeit probten die beiden auch eine recht exzessive Künstlerexistenz, worin sich Moralismus und Amoralismus, Puritanismus und Exhibitionismus intim vermischten. Das war auch ein Spiel mit literarischen Rollen, mit Hans Henny Jahnns morbiden Visionen eines androgynen "Zwischengeschlechts" oder Jean Genets homoerotischen Fantasien vom starken Kriminellen.

Eine andere biografische Facette liefert Henner Voss in seinen Erinnerungen an Bernward Vesper: ein von Pointen und Anekdoten sprühendes Kurzporträt seines damaligen "besengten" Freundes Bernward und dessen seltsamer Gefährtin. Während Vesper als genialischer Exzentriker vorgeführt wird, der seine Schüchternheit und Unsicherheit mit grellen Selbstinszenierungen überspielt, erscheint Gudrun Ensslin als "ironieresistenter" Blaustrumpf und fanatische Agentin Vespers. Auch das wird stimmen – und ergänzt doch nur das Bild der multiplen Rollenspiele auf der Suche nach der eigenen Identität.

Wie wenig mit der Allerweltsformel vom "protestantischen Rigorismus", der sich in der RAF nur fortgesetzt habe, gewonnen ist, zeigen auch die Gefängnisbriefe an die Geschwister. Gudrun Ensslin zieht darin alle Register, mit Marx und Fanon, mit Schiller oder Kierkegaard, bis ein suggestiver Gospel entsteht, dem sich auch heutige Leser nicht leicht entziehen können. Anfangs geht es um praktische Zuwendungen, um Kleidung (mit Anweisungen für Marke und Schnitt), um Kosmetika und um Bücher: Malcolm X, Mao, Lenin, Ezra Pound; dazu "2 Pornos (irgendwelche…), De Sade – was Du findest von ihm". Später wünscht sie sich neben revolutionärer Literatur Andersen-Märchen und eine blaue Sonnenbrille, um "die alte Kuh Mystik zu melken".

Jede klare Repression ist willkommen: "entweder geht ›man‹ drauf; oder Leute wie wir werden vollends Lava oder Eisen, egal, jedenfalls klar, was ich meine?" Das Schlimmste sind dagegen "sozialarbeiterische" Vermittlungsversuche. Als sie aus dem Gefängnisladen "verschrumpelte, schon fast schwarze Zitronen" bekommt, fällt ihr "sofort dazu ein – Buchenwald, wo ich Lampenschirme aus Menschenhaut gesehen habe". Hier wie dort: "verschrumpelte, schwarze Haut… Aber die Sache ist leider im Kern tatsächlich dasselbe. DASSELBE. Frag’ mich, wenn Du’s nicht fassen kannst."

Alle schwesterlichen Ansprachen gegenüber dem jüngeren Bruder, der sein schwules Coming-out hatte, und der älteren Schwester steuerten, wie die beiden schreiben, "zielgenau den Punkt an…, an dem wir uns entscheiden sollten, mitzukämpfen oder nicht". Die (teilweise beschlagnahmten) Instruktions- und Agitationsbriefe predigen von einer lichten Höhe der letzten Erkenntnis herab: "Die Grundrechte sind nicht zufällig das Asthma des Staats. Das System ist, den Zusammenhang zu leugnen…; die Wirklichkeit, ihre wahre Fresse IST aber der dreckige Zusammenhang; dieser Widerspruch ist’s, der zum Menschen drängt, das Bewusstsein schafft: das Leben bewaffnen, gegen den Tod im Topf! Ich sage Dir, Schwester, Solidarität ist eine heiße Kiste…" So geht es über 150 atemlose Seiten, mit zahllosen autoritativen Unterstreichungen und Hervorhebungen.

Mit der Entscheidung zum bewaffneten Kampf habe ihre Schwester einen "existenziellen Bruch mit Herkunft und Bürgerlichkeit" vollzogen, schreiben Christiane und Gottfried Ensslin im Vorwort. Darum ging es tatsächlich, wenn auch anders, als die Autoren meinen. In den Worten Gudrun Ensslins: "Die ganzen letzten Jahre, Neue Linke (raf natürlich eingeschlossen, allerdings an der spitze….) laufen dahin…‚ ›sich selbst‹ zu finden." Auf diesem Trip sind Gegenwart und Geschichte, Vietnam und Auschwitz, Erziehungsterror und Haftbedingungen, nur der stets abrufbare Stoff jenes ultimativen "24-Stundenficks", der es ermöglicht, "den 24-Stundentag auf den Begriff HASS zu bringen".